Berlin, 6. und 7. September: Die OKs trafen sich

Zum 9. Mal rief der BOK (der Bundesverband Offener Kanäle) zum Jahrestreffen nach Berlin, und die „Szene“ der OK-Mitarbeiter(innen), der Bürgermedienbeauftragten und Trägervereinsvorsitzenden wusste, was sie erwartet: „Get together“ und Dampferfahrt, Projektpräsentation und Impulsreferat – viel Gastfreundschaft, gute Gespräche, neue Kontakte und Podiumsdarbietungen von individuell unterschiedlich empfundenem Neuigkeitswert.
Wie acht Male zuvor bot das Jahrestreffen Offener Kanäle am 6. und 7. September 2002 im Offenen Kanal Berlin die Gelegenheit zur Standortbestimmung. Das Motto hieß: „Bürgergesellschaft und Medien – zur Bedeutung des Bürgerrundfunks“; es ging darum, der Gemeinde Mut zu machen. Immer schon galten die Offenen Kanäle als potentiell bedroht, über die Jahre änderten sich allerdings Richtung und Stärke der empfundenen Gefährdung. Entsprechend neu und/oder traditionell waren die Unkenrufe, Trostsprüche und Überlebenstipps, die die ReferentInnen vortrugen.


Leo Hansen, Vorsitzender des Bundesverbands Offener Kanäle, begrüßte die TeilnehmerInnen am Freitag mit einer Rückschau auf die wesentlichen OK-politischen Ereignisse des vergangenen Jahres: Die Gesetzesnovelle im Saarland mit der Konsequenz der Schließung des Offenen Kanals Saarland, die Novelle in Niedersachsen, die den dortigen Offenen Kanälen unter dem neuen Oberbegriff „Bürgerrundfunk“ neue Funktionen zuordnet, und die in Hamburg und Hessen erlassene Übersetzungspflicht fremdsprachiger Beiträge – eine Spätfolge der Islamismusdiskussion nach „Nineeleven“.
Christian Schurig, Bürgermedienbeauftragter der Landesmedienanstalten, ergänzte die Chronik und erwähnte einen Artikel der Hamburger BILD-Zeitung, der mit Hilfe einer knalligen Titelzeile („Zu viel Gewalt, zu viel obskure Propaganda, zu viel Quatsch“) und einiger üppig garnierter Zitate des CDU-Fraktionsvorsitzenden Dr. Michael Freytag („Für die Hamburger Gebührenzahler, die den Offenen Kanal finanzieren, ist ein Gegenwert nicht zu erkennen. Das werden wir ändern.“) Stimmung gegen den Hamburger OK zu machen versuchte. Auch Pressekampagnen gegen Bürgermedien sind nichts Neues; nach der Schließung des Offenen Kanals Saarland haben Lokalzeitungen auch in ganz anderen Regionen Jubelkommentare abgedruckt. „Kein Fernsehen für Spinner und Chaoten“ ist das von Christian Schurig überlieferte Argument, mit dem die Erprobung eines Offenen Kanals im Baden-Württemberg der frühen Achtziger Jahre verhindert wurde. Dem setzte Schurig entgegen, dass Offene Kanäle in unseren Zeiten um so engagierter mit und für Minderheiten arbeiten; dass sie „offen, offensiv und mit Nachdruck“ gemeinsam mit allen anderen Ausformungen von Bürgermedien für ihre Ziele eintreten sollten. Als Geschäftsführer der Medienanstalt in Sachsen-Anhalt kämpft Schurig dafür, Offenen Kanälen auch die Übertragungstechniken der Zukunft wie DVB-T zugänglich zu machen. Gelänge das auch anderswo, dann sei ihm „um die Zukunft der Bürgermedien überhaupt nicht bange.“
Auch Dr. Hans Hege, als Direktor der MABB Träger des gastgebenden Offenen Kanals Berlin,  macht sich „im Moment keine Sorgen“ um das Bürgerfernsehen. Digitale TV-Technologien standen im Mittelpunkt seines Referats. Die traditionelle Rundfunktechnik (bisher analog, künftig digital) sei auch für OKs die angemessene Verbreitungstechnologie, meinte Hege: „Meine persönliche Internet-Euphorie, was Offene Kanäle angeht, ist eher zurück gegangen.“ 
Dr. Ida Pöttinger vom Landesinstitut für Erziehung und Unterricht in Stuttgart beantwortete in ihrer Rede die Frage, „warum der Taubenzüchter die Demokratie stärkt“. „Das Private ist politisch“, behauptete sie. Wer, von seinem Gerechtigkeitsgefühl angetrieben, sich mit Anderen austauscht und zusammen schließt, um zu seinem Thema – und sei es vordergründig noch so privat – eine Hörfunk- oder Fernsehsendung zu produzieren und in einem Bürgersender zu veröffentlichen, der mache „genau die Erfahrungen, die für Demokraten notwendig“ seien. Die Bürgermedien böten die Chance, Themen auf die lokale Agenda zu setzen, die von den „großen“ Medien aus unterschiedlichen Gründen mißachtet würden.
Beispiele für diese Themen boten auf eindrucksvolle Weise die von Bettina Wiengarn und Jürgen Linke präsentierten Projekte: Das Berliner Jugendradio „Radio aktiv„, das Seniorenfernsehen „Seniorama“ aus Münster, die zweisprachigen „Euroclick„-Magazinsendungen aus der südwestdeutschen Grenzregion um Pirmasens und Bitsch, die ihren Namen Lügen strafenden „HeldInnen der Nichtarbeit“ aus Berlin, der Hamburger „Pink Channel“ und die „Interkulturelle Redaktion“ aus Kassel.
Auf ihre eigene Erfahrung mit dem Bürgerfunk in Remscheid und Solingen stützte sich Dr. Eva Oehrens von der Akademie Remscheid. Als Medienpädagogin von Anfang an dabei, habe sie (in Hamburg aufgewachsen) lange mit den Bürgerradio-Sendungen im bergischen Dialekt nichts anzufangen gewusst. Erst spät sei ihr aufgegangen, dass die Bürgerfunker in ihrer Mundart durchaus Themen von Belang besprechen. Kinder und Jugendliche in 5 verschiedenen Gruppen gestalten in Remscheid regelmäßig Radiosendungen, und in diesen Gruppen träfe man auf engagierte, interessierte junge Menschen. Die Bürgerfunksendungen erzeugten auch nicht, in das Programm eines kommerziellen Lokalsenders eingebettet, das gefürchtete und oft behauptete Quotenloch. Der Bürgerfunk sei bekannt und beliebt.
Besonders in der Zusammenarbeit mit Schulen und Bildungseinrichtungen sieht Eva Oehrens ungenutztes Potential der Bürgersender. Bürgermedien müssten selbstverständlicher Bestandteil des Schulunterrichts werden. Die „politischen, kulturellen und sozial-kommunikativen Ideen der Medienpädagogik der 70er und 80er Jahre“ gehörten wach gehalten, für Dr. Oehrens gehören „Offene Kanäle und Bürgermedien aller Art zur demokratischen Kultur wie der Stimmzettel zur Wahl.“


Die Bedeutung der Bürgermedien in der Bürgergesellschaft hatte der Bundesverband Offene Kanäle in den Mittelpunkt seines Jahrestreffens gestellt. „14 Tage nach der Flutkatastrophe und 14 Tage vor der Bundestagswahl“ (Christian Schurig) konnten die TeilnehmerInnen eine Renaissance vergessen geglaubter OK-Ideale erleben. Dies wird deutlich, wenn man den Themen und Thesen der RednerInnen gegenüber stellt, wovon dieses Jahr nicht oder kaum die Rede war (nämlich von Medienkompetenz und vom Internet beispielsweise). Ob den ZuhörerInnen die Wiederbelebung des „Hydeparks“, der „Agora“ Offener Kanal zu „retro“ war, konnte man zumindest im Plenum nicht erkennen.

Author: Hans-Uwe Daumann
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