Berlin: Ein freies Radio als Netzwerk urbaner Kreativität

Der härteste kommerzielle Radiomarkt ist Berlin. Wenn Radioanbieter aufgeben müssen, werden Frequenzen frei. Auch durch die geplante öffentlich-rechtliche Fusion von SFB und ORB werden wahrscheinlich Frequenzen frei. Und die Berliner Koalition von SPD und PDS hat sich darauf festgelegt, nichtkommerziellen Lokalfunk zu unterstützen. Das sind eigentlich beste Voraussetzungen für die „Radiokampagne“, die in Berlin ein Freies Radio fordert und mit vielfältigen Aktionen für seine Schaffung kämpft. 2300 Menschen haben allein in diesem Jahr die Forderung nach selbstverwaltetem Radio mit UKW-Frequenz durch ihre Unterschrift unterstützt. Von 30. November bis 15. Dezember beteiligt sich die radiokampagne.de mit Audioskulpturen und Radiocollagen an der Kunstaktion „HOTEL Berlinische Galerie“ in Kreuzberg. Künstler und Besucher können sich in Zimmer 3.01 des „HOTELS Berlinische Galerie“ aktiv an der Gestaltung des täglichen Programms beteiligen. „Die radiokampagne.de freut sich auf die Chance, über dieses temporäre Kulturprojekt hinaus ihr Netzwerk urbaner Kreativität zu vergrößern, neue Kontakte zu knüpfen und sich einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen“, heißt es in der Pressemitteilung. Denn von der Zuteilung einer UKW-Frequenz ist die Radiokampagne noch weit entfernt.

 

Gestartet wurde die Radiokampagne (www.radiokampagne.de) vom Landesverband Freier Radios Berlin-Brandenburg, der Onda-Radioagentur und von Pi-Radio, das aus dem ehemaligen Ätherpiraten „Sender P“ hervorgegangen ist. Die Kern-Mannschaft von 15 Leuten hat auf unterschiedliche Weise Erfahrung mit dem Medium Radio und im Kampf um die Zulassung eines nichtkommerziellen Senders. Die jährlichen Kosten werden unterschiedlich beziffert: Zwischen 150.000 und 300.000 Euro nennt die Radiokampagne, etwa 1 Million Euro veranschlagt die Medienanstalt MABB, die nicht nur für die Frequenzzuteilung, sondern auch für eine Förderung aus Rundfunkgebühren zuständig wäre. Viele Gruppen in Berlin nutzen den Offenen Kanal Hörfunk, eine Einrichtung der MABB. Die Radiokampagne lehnt ihn ab, weil er hierarchisch sei und weil er nur im Kabelnetz empfangen werden kann.
Die Berliner „Tageszeitung“ zitiert in einem Bericht vom 19.11.2002 Steffen Pachali von der Radiokampagne: „Angesichts der bestehenden Radiolandschaft ist eine Alternative zum gleichgeschalteten Dudelfunk immer nötiger. Sehr viele Leute wollen genau dieses unabhängige Radio hören. Berlin ist gerade im musikalischen Bereich eine der interessantesten Städte. Nicht nur von den anderen Sendern diskriminierte Musik wie etwa Punk sollen ein Recht auf Öffentlichkeit bekommen, auch politische und soziale Themen, die im Mainstreamradio untern Sendetisch fallen.“

 

Die MABB verweist auf die Politik: „Wenn sie freies Radio als klaren Förderungszweck festschreibt, könnte ein Teil der Rundfunkgebühren dafür eingesetzt werden“, wird Ingeborg Zahrnt, Justitiarin der MABB, in der „taz“ zitiert. Koalitionspolitiker sehen das als unproblematisch an. „Die Forderung der Radiokampagne nach einer Gesetzesänderung sei längst erfüllt. Die Möglichkeit für ein Freies Radio bestehe und sei von der Regierung auch klar gewünscht,“ so Frank Zimmermann, medienpolitischer Sprecher der SPD laut „taz“. Martina Michels (PDS) nach der gleichen Quelle: „Wir haben uns von Anfang an dafür eingesetzt und werden das Projekt auf die Tagesordnung des nächsten medienpolitischen Ausschusses bringen.“ So gesehen, sollte man bald Bewegung in Sachen Freies Radio für Berlin erwarten können. Welche – nicht nur finanziellen – Auswirkungen das „andere“ Bürgermedium auf den 1985 gegründeten Offenen Kanal haben könnte, bleibt abzuwarten.

Author: Hans-Uwe Daumann
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