Radio LOTTE in Weimar: Das Medium als Mediator

Ein klassischer Konflikt: Das Weimarer Ordnungsamt droht dem Jugendtreff „C-Keller“ wegen wiederholter Lärmbeschwerden mit Schließung. Die Recherchen des Bürgersenders Radio LOTTE ergeben: Alle Klagen stammen von einem einflussreichen Geschäftsmann aus der Nachbarschaft. Ebenfalls anwohnende Eltern von C-Keller-Besuchern sehen kein Problem; offensichtlich sind die Touristenkneipen im Viertel viel lauter als das Jugendzentrum. Live im Studio des Lokalradios treffen Ordnungsamts-Vertreter und Jugendliche aufeinander und sprechen sich aus. Kurz nach der Sendung einigen sich Stadt und Jugendvertreter, die Schließung des Jugendtreffs ist vom Tisch.
Bürgerradio-Moderatoren als Mediatoren: Die 5 hauptamtlichen und über hundert ehrenamtlichen MitstreiterInnen von Radio LOTTE sind leidenschaftliche Weimarer. An verlassenen und verwahrlosten Orten ihrer Stadt inszenierte die Gründerclique rauschende Kunstfeste mit bis zu 500 Gästen. Die „Platzbesetzungen“ führten immerhin in bisher 4 Fällen dazu, dass sich Investoren der vergessenen Immobilien annahmen. Eigentlich hätten sie auch ein Theater aufmachen oder eine Zeitung gründen können, sinniert Detlef Fengler, Medienpädagoge und Organisationskraft bei Radio LOTTE. 1998 kam die Ausschreibung von Bürgerradio-Frequenzen in Thüringen dazwischen. Radio LOTTE gewann und begann im August 1999 mit dem Sendebetrieb.
Die Aktionen rund ums Radioprogramm haben Witz und Charme. Mit Kreativität und Engagement für ihre Stadt hat sich die Lokalradio-Crew viel Anerkennung und Freundschaft erkämpft, bei Weimars Kulturschaffenden, in der Politik und bei den anderen Lokalmedien. Eine dicke Pressemappe zeugt von guten Beziehungen zu den Lokalzeitungen, die manchmal komplette Radiointerviews nachdrucken. Die Hörerschaft gehört allen Generationen an. Vor einiger Zeit hat sich eine 80-jährige Frau die 4 Treppen ins Dachgeschoss des Radio-LOTTE-Domizils am Herderplatz 4 gequält, um sich darüber zu beschweren, dass der Bürgersender nachts um 1 Uhr an BBC World abgibt. Mit dem englischen Infosender und dem Offenen Kanal im benachbarten Erfurt muss sich Radio LOTTE die UKW-Frequenz 106,6 teilen. Zur Stammhörerschaft gehören Künstler und Studenten genauso wie Hausfrauen und Handwerker. Erstes Mitglied des kürzlich gegründeten Förderkreises „LOTTE Club“ wurde der Inhaber der Firma „Dach Schneider“, inzwischen hat Radio LOTTE bereits knapp 200 Förderer in der 60.000-Einwohner-Stadt.
In 76 Stunden macht Radio LOTTE „ganz Weimar zu seinem Studioraum“, so Mathias Buß, Architekt und Programmchef von Radio LOTTE. Mit der futuristisch gestylten „Radio-Rikscha“ können radelnde LOTTE-ModeratorInnen spontan auf Weimars Plätzen und Straßen „Klangräume erzeugen“. Der mit Muskelkraft und Solarenergie betriebene Dreirad-Üwagen ist ein unübersehbarer Werbeträger. Ästhetik spielt eine große Rolle für die Radiomacher, zu denen Musiker, Schauspieler und bildende Künstler gehören. Soziales Engagement spielt allerdings eine mindestens genauso große Rolle. Detlef Fengler, ausgebildeter Sozialpädagoge, macht mit jugendlichen Spätaussiedlern Radioprogramm. In den Schulferien ist das Studio in Kinderhand; ein regelmäßiges Kinderradio gibt es auch. Und als ein besetztes Haus in Weimar abgerissen werden soll, recherchiert Radio LOTTE. Hausbewohner und Stadtvertreter sitzen gemeinsam im Studio. Radio LOTTE hat herausgefunden, dass der Eigentümer die Immobilie günstig abgibt. Die Besetzer kratzen die fünfstellige Summe zusammen und sind kurz darauf Eigentümer. Noch nicht bei jedem Konflikt in Weimar treffen die Kontrahenten im Hörfunkstudio aufeinander, aber die Männer und Frauen von Radio LOTTE arbeiten daran.

Author: Hans-Uwe Daumann
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