Frankfurt: Neues Leitbild für Offene Kanäle gesucht

Das älteste Bürgermedium steht auf dem Prüfstand: Kaum ein Bundesland, in dem Offene Kanäle nicht in die Diskussion geraten sind. Auf Einladung des Bundesverbands Offener Kanal und des Bildungszentrums BürgerMedien diskutierten 40 TeilnehmerInnen am 4. April im Frankfurter Philip-Jakob-Spener-Haus Wege aus der Legitimationskrise.

 

Dr. Hans Paukens von der Deutschen Hörfunkakademie eröffnete die Debatte mit Thesen zur „Partizipation im Zeitalter der Globalisierung“. Er forderte einen neuen Funktionsauftrag für Bürgermedien. Sie müssten öffentliche Plätze sein; ihre Beiträge relevant und signifikant. Ziel der Nutzer müsse es sein, Kommunikation zu stiften. Reine Zur-Schau-Stellung privater Befindlichkeit reiche nicht aus.

 

Der Funktionsauftrag Offener Kanäle wird gerade in diesen Tagen völlig unterschiedlich (re-)formuliert. 5 VertreterInnen aus verschiedenen Bundesländern repräsentierten den Stand der Entwicklung:

 

Wolfgang Hahn-Cremer (Foto), Vorsitzender der Medienkommission in Nordrhein-Westfalen, hat dort einen Diskussionsprozess in Gang gesetzt, der Anfang 2004 in die Verabschiedung neuer Förderrichtlinien münden wird. „Wir brauchen ein neues Leitbild für die Offenen Kanäle – das zentrale Schlüsselwort ist dabei Medienkompetenz“, sagte Hahn-Cremer, der den Offenen Kanälen in Zukunft eine weitgehend projektabhängige Förderung angedeihen lassen möchte. Die OKs in NRW sollen bereits vorhandene Schwerpunkte – beispielsweise journalistische Ausbildung in Dortmund oder Kinderfernsehen in Münster – strategisch ausbauen. Neben eine Grundförderung des OK-Betriebs werden dann die Finanzierung der Schwerpunktbildung und die Förderung lokaler Medienkompetenznetzwerke treten, die sich um den „Nukleus“ Offener Kanal bilden sollen.

 

Vergleichbar und doch anders in Rheinland-Pfalz: Die 27 Offenen Kanäle im Bundesland werden weitgehend ehrenamtlich geführt. Mit regionalen Medienkompetenznetzwerken in der Eifel und in der Südwestpfalz werden zur Zeit Kooperationen zwischen mehreren Offenen Kanälen, Bildstellen, Medienorganisationen und Kommunen modellhaft getestet. Im Endausbau soll Rheinland-Pfalz 12 Netzwerke erhalten, berichtete Manfred Helmes, Direktor der Landeszentrale für private Rundfunkveranstalter. Die Infrastruktur der OK-Studios wird damit für die schulische Arbeit, insbesondere in den neuen Ganztagsschulen, nutzbar gemacht. Für die professionelle Betreuung sollen – in einem „rollierenden System“ – jeweils 2 JunglehrerInnen pro Netzwerk eingesetzt werden.

 

Christian Schurig, Geschäftsführer der Medienanstalt Sachsen-Anhalt, hat in den letzten Jahren ein System von 8 Offenen Kanälen, 3 Nichtkommerziellen Radios und einem Medienkompetenzzentrum als zentralem Trainingsort aufgebaut. In Sachsen-Anhalt sind Bürgermedien über die Parteigrenzen hinweg akzeptiert. Neben Medienkompetenz tritt Partizipation als gleich wichtige Zweckbestimmung. Überdies sind Offene Kanäle in vielen Städten, in denen Jugend- und Kulturzentren aus Geldmangel geschlossen werden, begehrte Begegnungsstätten.

 

Auch Angelika Heyen, stellvertretende Direktorin der Thüringischen Landesmedienanstalt (TLM), sieht keinen Gegensatz zwischen Medienkompetenzförderung und Partizipation. Zu den Zielen der Bürgermedienförderung zählt sie die Verwirklichung des Rechtes auf freie Meinungsäußerung, daneben Integration, Identifikation und regionale Identität. Bürgermedien seien Orte, an denen Toleranz gelernt werden könne, und sorgten für „kulturelle Vielfalt in Zeiten der Globalisierung“.  Die TLM hat die politische Initiative, die beiden anstaltseigenen Offenen Kanäle in Jena und Erfurt auszugliedern, gerade mit Hilfe vieler Unterstützer erfolgreich abgewehrt.

 

Leo Hansen, Vorsitzender des Bundesverbands Offener Kanal, ist in Hamburg Leiter des Offenen Kanals, der mit hoher Wahrscheinlichkeit Mitte des Jahres unter neuem Namen („Ausbildungs- und Bürgerkanal“) in die Trägerschaft  der Hamburg Media School überführt wird. Das Schicksal des erfolgreichen Bürgermediums, das im Hörfunk und im Fernsehen respektable Quoten vorweisen kann, viele überregional anerkannte Projekte angestoßen hat und bereits frühzeitig auf Zuschauer- und Hörerorientierung gesetzt hat, belegt, dass bürgermedienpolitische Entscheidungen letzten Endes unwägbar sind: Die Schillpartei PRO ist über Einzelsendungen Marke „Hanf-TV“ verärgert, die FDP will die Landesmedienanstalt „deregulieren“, und so wird das Kind Medienpartizipation mit dem Bade ausgeschüttet.

 

„Es werden in der Politik vorausschauende Entscheidungen hinterher gefasst“, resümierte Prof. Dr. Bernd Schorb von der Universität Leipzig und bezog sich dabei auf den Drang der Politiker zur Gründung neuer Medienausbildungsstätten – in einer Zeit, in der der Medienboom wohl definitiv zu Ende gegangen ist. Er kritisierte den unreflektierten Umgang mit dem Begriff „Medienkompetenz“, der je nach Lesart dazu dienen könne, „einen Offenen Kanal aufzubauen oder auch kaputt zu machen.“ Überdies sei die Qualifizierung von Laien schwer mit Medienausbildung im Sinne von professioneller beruflicher Bildung unter einen Hut zu bringen.
Schorb stellte fest, dass der Begriff der politischen Bildung, der für die ersten Offenen Kanäle grundlegend war, „verschwunden“ sei. Das gesellschaftliche Verständnis von Demokratie  und Partizipation habe sich geändert. Falls man sich aber wieder „gegen das Verzagen“ und „für kulturelle und politische Vielfalt“ einsetze, müssten „Bürgermedien als Instrumente der Emanzipation“ eigentlich gestützt werden. Voraussetzung sei aber, dass sich die bestehenden Offenen Kanäle fragten, was sie dafür leisteten.

 

In der sehr lebhaften Diskussion, die sich anschloss, stellte Katja Friedrich, Geschäftsführerin des Bildungszentums BürgerMedien, die Frage nach der Erkennbarkeit dessen, was Bürgermedien leisten. Neben der Erarbeitung von Leitbild und Funktionsauftrag gehört eine zeitgemäße Kommunikationstrategie wohl weiterhin zu den Zukunftsaufgaben der Offenen Kanäle.

 

Foto: Wolfgang Hahn-Cremer, Vorsitzender der LfM-Medienkommission und des Bildungszentrums BürgerMedien

 

Download: Hans Paukens – „Partizipation im Zeitalter der Globalisierung“

Author: Hans-Uwe Daumann
E-Mail: redaktion@connex-magazin.de

Kommentare sind geschlossen.