Heidelberg: Bermudafunker auf Radiotour

Mittwoch, 18. Juni, 10 Uhr vormittags:  8 Radio-Aktivisten haben auf dem Heidelberger Universitätsplatz einen Ü-Wagen geparkt und davor einen Info-Stand aufgebaut. Das Mannheim-Heidelberger Freie Radio „Bermudafunk“ macht Station im Rahmen der „Radio-Tour 2003“ Freier Radios. Seit 5. Juni reist der Ü-Wagen in Baden-Württemberg von Sender-Standort zu Sender-Standort. Der Radioverband „AFF“ (Assoziation Freier Gesellschaftsfunk) wirbt im laufenden Neulizenzierungsverfahren für die Freien Radios und fordert „Her mit den schönen Frequenzen“ – so das Motto der Tour.
An einem beliebigen Junivormittag wird der Universitätsplatz vor allem von Touristengruppen zu Fuß oder per Bus bevölkert. Die Lärmkulisse wird ergänzt durch Kehrmaschinen und Müllautos. Bermudafunk hat keine Genehmigung erhalten, Lautsprecher aufzustellen. Die mitgebrachte „Hörbar“ – Sendebeispiele auf CD – kann nur über ein kleines CD-Radio genutzt werden. Überhaupt die Kommunen – in Heidelberg steht der Sender, in Mannheim das Studio von Bermudafunk: Außer der mietfreien Gewährung eines 25-m2-Studioraums im Mannheimer Kulturzentrum „Alte Hauptfeuerwache“ weiß Katrin Häussler, Vorstandsmitglied von Bermudafunk, kein Beispiel für kommunale Unterstützung zu nennen. Bermudafunk ist – wie alle nichtkommerziellen Lokalradios – Kostgänger der Landesanstalt für Kommunikation LfK, die nicht nur Frequenzen und Senderstandorte zuteilt, sondern auch bestellt und bezahlt. 10 % der Gebühreneinnahmen muss die LfK in die Förderung der nichtkommerziellen Sender stecken; die Sender fordern 15 %.
In Mannheim, geschweige in der rheinland-pfälzischen Nachbarstadt Ludwigshafen ist Bermudafunk kaum zu empfangen. Die zusätzliche UKW-Frequenz in Mannheim ist lange versprochen und auch endgültig genehmigt. Jetzt liegt es an der Telekom-Tochter, die sich erst gegen Ende des Jahres in der Lage sieht, den Sender aufzuschalten. Der Betrieb eines freien Radios ist kein Pappenstiel. Zwischen Redaktionsgruppen, Vorstand, Zuhörern und Umfeld steht Florian Pfirrmann, der mit 15 bezahlten Stunden der einzige hauptamtliche Bermudafunker ist. Beinahe rein ehrenamtlich werden 122 wöchentliche Sendestunden produziert, Technik, Finanzen und Öffentlichkeitsarbeit gemanagt und medienpädagogische Aktionen mit Schülern und Studierenden durchgeführt. Die amtliche Würdigung dieser immensen Arbeit bleibt vielleicht auch deswegen aus, weil sich unter den nichtkommerziellen Schallplattenliebhabern auch AtomkraftgegnerInnen, FeministInnen und Autonome tummeln. Das fehlende offizielle Lob wird durch Radiobegeisterung ausgeglichen. Holger Hildebrand, der einmal im Monat mit der Anti-Atomkraftsendung „Restrisiko“ zu hören ist, freut sich auf die zusätzliche UKW-Frequenz, weil er die auch mit seinem uralten hölzernen Radiomonstrum zu Hause empfangen kann. „Da ist der Klang einfach besser.“
Zwischenzeitlich haben einige Heidelberger am Stand von Bermudafunk Halt gemacht und sich informieren lassen. Radiosendungen zu machen, ist auch für absolute Laien attraktiv: Nach kurzem Gespräch kommt mancher auf eigene Sendeideen. Den Wert der Radiotour, die noch bis zum 28. Juni andauert, sieht Holger Hildebrand allerdings eher in zwei anderen Aspekten: „Die freien Radios zeigen Solidarität, und wir lernen uns besser untereinander kennen.“

 

Informationen zur Radiotour und die Situationsbeschreibung der Assoziation Freier Gesellschaftsfunk AFF finden sich unter www.aff-bawue.de

Author: Hans-Uwe Daumann
E-Mail: redaktion@connex-magazin.de

Kommentare sind geschlossen.