Freudenstadt: Halbzeit beim „Radioschein“

Reportage als Erzählung vom afrikanischem Basar:

„…Auf dem Boden steht eine riesige Wanne voller Couscous. Die drei schwarzen Frauen kneten mit den Händen darin herum und verschwinden bis zu den Ellenbogen…“

Ortstermin beim Afrika-Fest auf dem Freudenstädter Marktplatz. 15 Reporter und Reporterinnen fragen, beobachten, notieren – sie sollen heute nicht mit dem Tonbandgerät etwas aufnehmen, sondern mit den Augen, Ohren, mit allen Sinnen. Anschließend formulieren sie und sprechen ihre Reportagen im Studio auf Band: Tagesaufgabe beim vierten Baustein des Grundlagenkurses „Radioschein“ im Freien Radio Freudenstadt. Und der glückliche Zufall will, dass vor der Radio-Haustüre im Schwarzwald ein bunter afrikanischer Basar Erzählstoff für tausendundeine Übungsproduktion bietet.

 

Von Musik, Gewürzen oder der Kunst des Zöpfe-Flechtens handeln die spannenden Reportagen, die zum Abschluss des Workshops gemeinsam ausgewertet werden. Am nächsten Tag bildet dieses aktuelle Material den erzählerischen Kern einer zweistündigen Sondersendung zum Afrika-Fest. Und der nächste Reportage-Einsatz steht bereits an: Bis zum nächsten Baustein werden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Radioscheins selbständig eine weitere Reportage produzieren – diesmal nicht nur mit eigenem Erzähltext, sondern mit eingebauten Originaltönen. Mit dem gegenseitigen Anhören beginnt der nächste Treff der 15 Radioleute aus nichtkommerziellen Sendern, die sich auf eine siebenteilige Fortbildung eingelassen haben. 

 

Gestartet mit einem Vorbereitungsabend im Februar 2003, sieht der „Radioschein“ Lerneinheiten über die wichtigsten Aspekte des Radiojournalismus vor: Interview, gebauter Beitrag, digitale Schnitttechnik, Meldung, Reportage, Moderation, Umgang mit Musik, Live-Sendung, zum Abschluss noch ein Kurzhörspiel. Veranstalter ist das Bildungszentrum BürgerMedien e.V. in Kooperation mit dem Lokalsender Freies Radio Freudenstadt. Großer Andrang: Die Interessenten kommen nicht nur aus dem Schwarzwald, sondern auch aus Karlsruhe oder Wiesbaden zu den 7 Bausteinen zusammen.

Das Projekt „Radioschein“ war entstanden aus dem gemeinsamen Anliegen von BZBM und nichtkommerziellen Radios, statt vereinzelter Fortbildungsworkshops ein systematisches und fortlaufendes Ausbildungsprogramm anzubieten. Das Besondere: die Lerngruppe bleibt dieselbe, die Referentinnen auch – und so besteht die Möglichkeit, individuell auf jeden einzugehen. Und immer wieder kann auf Grundlagen zurückgegriffen werden, die in den vorherigen Bausteinen erarbeitet wurden. Der Kurs ist eine Mischung aus gemeinsamer und individueller Arbeit: zwischen den sieben Wochenenden arbeiten die Teilnehmer selbständig an ihren Hausaufgaben, proben den „Ernstfall“ und wenden die Erkenntnisse aus dem Kurs selbständig an. Die Themen suchen sie selbst aus. So wurde bei der Hausaufgabe „Interview“ die erste Geschäftsführerin der Grünen im baden-württembergischen Landtag befragt, auch eine „Jugend musiziert“-Preisträgerin, die Leiterin eines multikulturellen Kindergartens, und ein Familienmitglied aus einer italienischen Eisdielen-Dynastie.

Sowohl die Anfänger/innen als auch die Fortgeschrittenen haben bis zur „Halbzeit“ bereits viele Anregungen für ihre Sendungen mitgenommen. Sie entdecken eine ganz neue Lust am Radiohören, denn das kritische Hören von Radiobeiträgen ist die Grundlage jeder Kurseinheit. Die gemeinsamen Pausen sind genauso wichtig wie das Lernen, dort tauschen die Teilnehmer untereinander ihre Erfahrungen aus eigenen Sendungen und Radioprojekten aus. Zwischen den Bausteinen sind Referentinnen und Teilnehmer/innen durch E-mail mit einander vernetzt. So wächst das Gruppengefühl, eine wichtige Grundlage für das Lernen voneinander und miteinander. Und die kostbare Zeit während der Wochenendtreffs kann besser genutzt werden.
                              
Das Zertifikat, mit dem die Radioschein-Teilnehmer/innen nach dem siebten Baustein die Ausbildung abschließen, bietet Interessierten die Chance, leichter einen beruflichen Einstieg ins Medium Radio zu bekommen, oder auch beim eigenen Sender die systematisch erworbenen Grundlagenkenntnisse weiterzugeben.

 

Foto: Sonja Klimmesch

Author: Susan Jones / Ulrike Werner
E-Mail: esjones@t-online.de

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