Zeit für eine Leistungsbilanz? Das 10. OK-Jahrestreffen

„Qualitätsoffensive Offener Kanäle“ war der Titel des 10. OK-Jahrestreffens, das der Bundesverband BOK am 29. und 30. August 2003 in Kooperation mit dem Offenen Kanal Berlin wieder in dessen Räumen (und in denen der Heinrich-Böll-Stiftung sowie, wie jedes Jahr, auf dem Deck eines Spreedampfers) durchführte. Es fällt der dienstältesten Gattung deutscher Bürgermedien im Jahr 2003 sichtlich schwer, aus der Defensive herauszukommen. Am 30. Juni wurde der Offene Kanal Hamburg (resp. der dortige Hörfunk- und der Fernsehkanal) geschlossen. Sein ehemaliger Leiter, der Vorsitzende des Bundesverbands Leo Hansen, präsidierte dem Jahrestreffen zum letzten Mal, da er mit seiner Leitungsfunktion auch die Verbandsmitgliedschaft verloren hat. Offen oder versteckt nahmen fast alle Redebeiträge der Tagung auf die Hamburger Ereignisse Bezug.

Christian Schurig, Landesmediendirektor in Sachsen-Anhalt und erfahrener Anwalt der Offenen Kanäle, empfahl, eine Leistungsbilanz der Offenen Kanäle in Deutschland aufzustellen. „Leuchtturmprojekte“ der Offenen Kanäle müssten bundesweit präsentiert werden. Jürgen Linke, Leiter des Offenen Kanals Berlin, bezog sich darauf, als er zu den Projektpräsentationen im Rahmen der Jahrestagung überleitete. Die Referate zu „Remote TV“, zum „Kinderradio Rabatz“ oder zur Bremerhavener/Geraer „Expedition ins Eis“ waren durchaus geeignet, die besonderen Qualitäten der Bürgermedienarbeit darzustellen.

In größerem Maße gelang es den Hauptrednern am zweiten Tag der Veranstaltung,  den auf ihr lastenden Druck zu vermindern. Werner Lauff, langjähriger Medienmanager, ließ in launiger Art und Weise zwei Jahrzehnte Privatrundfunkgeschichte Revue passieren. er beschrieb, wie sich sowohl die Politik als auch die Medien verändert haben. Zur Rolle der Bürgermedien merkte er an, dass die „Weiterntwicklung des Fernsehens und die Belebung der Demokratie nicht nur historische Themen, sondern immer aktuell“ seien. Er schloss mit der Feststellung: „Noch nie waren die Chancen der medialen Artikulation größer als jetzt.“ Dirk Koning, Geschäftsführer des Community Media Center in Grand Rapids (USA) beschrieb die Entwicklung seiner Einrichtung vom Offenen Fernsehkanal zum trimedial arbeitenden Medienzentrum mit angeschlossener Radiostation und eigenem Internetprovider als Erfolgsgeschichte. Auch Konings Ausführungen zur Finanzierung seiner Institution, in der  Gebühreneinnahmen nur noch ein Drittel ausmachen,  war geeignet, Mut zu machen.

Leo Hansens Aufgabe war es, in seiner Abschiedsrede als BOK-Vorsitzender die Ursachen der Krise zu beschreiben, in die die Offenen Kanäle geraten sind. Die OK-Gründer hätten vor 20 Jahren ein zu „romantisches Bild vom mündigen Bürger“ zu Grunde gelegt. Bürgermedien seien in den Sog des gesellschaftlichen Individualisierungstrends geraten, das erkenne man an den Beiträgen – OK-Radios schloss Hansen von dieser Kritik allerdings ausdrücklich aus. Publikumsorientierung – das heißt feste Sendezeiten, Thementage, Sparten –  sei notwendig, aber nicht ausreichend. Es müsse darüber nachgedacht werden, die lokale publizistische Ergänzungsfunktion von Bürgermedien – wie in Niedersachsen geschehen – gesetzlich festzuschreiben. Neben den Leistungen im Bereich der Medienkompetenz sei eine Programmschiene in der Art eines „lokalen Phoenix“ resp. eines „Vor-Ort-Fernsehens“ wie in Berlin eine wesentliche Säule einer neuen OK-Konzeption. Leo Hansen empfahl den anwesenden OK-VertreterInnen, ihren Sendern neue Namen zu geben: Es sei an der Zeit, sich „von dem verbrannten Begriff Offener Kanal zu verabschieden“, und einen radikalen Schnitt zu wagen – „und zwar jetzt, morgen ist es vielleicht zu spät!“

 

Bei der anschließenden Mitgliederversammlung des Bundesverbands Offener Kanäle wurde Jürgen Linke für Leo Hansen zum Vorsitzenden gewählt. Die dadurch vakante Stellvertreterposition bleibt vorerst unbesetzt: Der BOK-Vorstand soll erst bei der nächsten Mitgliederversammlung im November komplettiert werden.

Author: Hans-Uwe Daumann
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