Subjektorientiert neue Zielgruppen aktivieren

Schon zu Beginn ihrer Untersuchung „Experiment Arbeitsweltredaktion“ zeigt Waltraud Günnel Allen die gelbe Karte, die Bertolt Brecht als Stammvater der Freien Radios betrachten. „Brechts Idee eines anderen Rundfunks war eng verknüpft mit seinem politischen Engagement und seiner Nähe zur kommunistischen Partei. … Autonomie in diesem, auf ein anderes Gesellschaftssystem bezogenen Sinn, korrespondiert nur begrenzt mit den von Offenen Kanälen und nichtkommerziellen Radios entwickelten Ansätzen eines offenen Zugangs …“ Der ausführliche rundfunkhistorische Exkurs leitet eine Arbeit ein, die einige Mythen der Bürgermedienwelt berührt. In ihrem Kern begleitet und bewertet die qualitative Längsschnittstudie von Waltraud Günnel die Einrichtung einer sogenannten „Arbeitsweltredaktion“ bei dem Freiburger Sender Radio Dreyeckland in den frühen neunziger Jahren. Ausgangspunkt war der Befund, dass das zugangsoffene Medium Freies Radio – nicht nur in Freiburg – vorrangig von jungen Männern mit hohem formalem Bildungsgrad – sprich von Studenten – genutzt wird. Bevölkerungsgruppen mit geringen Zugangschancen im professionellen Mediensektor sind auch unter den ehrenamtlichen Radiomachern im Bürgerradio deutlich unterrepräsentiert.


Am 1. Mai 1991 ging die Arbeitsweltredaktion von Radio Dreyeckland erstmals auf Sendung. Konzentrierte Werbung bei der Zielgruppe gewerkschaftlich engagierter ArbeitnehmerInnen und die kontinuierliche Mitarbeit eines Medienpädagogen ermöglichten eine erfolgreiche Sendetätigkeit über 2 Jahre Projektdauer; ab 1993 wurde das Weiterbestehen der Redaktion mit einer Zuwendung aus gewerkschaftlichen Finanztöpfen gefördert. Bis zum Redaktionsschluss des Buches existierte die Redaktionsgruppe und sendete wöchentlich. „Der Verlauf und das Ergebnis dieses Projekts, das den Aufbau einer ehrenamtlichen Radioredaktion, getragen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zum Ziel hatte, kann … als erfolgreich bewertet werden“, konstatiert die Autorin. Einen wesentlichen Erfolgsfaktor sieht sie in der Subjekt- und Handlungsorientierung des zugrunde liegenden medien- und erwachsenenpädagogischen Konzepts. Auch wurde die Medienkompetenz der ehrenamtlichen RedakteurInnen „umfassend und über den Projektrahmen hinausgehend“ gefördert. Der erarbeitete Ansatz „subjekt- und handlungsorientierter Medienpädagogik“ könne durch die Entwicklung „einer Konzeption und eines  Curriculums für den Aus- und Fortbildungssektor nichtkommerzieller Lokalradios“ fruchtbar gemacht werden. Diese Anregung der Autorin wird derzeit vom Bildungszentrum BürgerMedien angegangen.

Das bei kopäd erschienene Buch „Experiment Arbeitsweltredaktion – Bürgerradio im Kontext von Medienpolitik, Kommunikationswissenschaften und Pädagogik“ von Waltraud Günnel ist wegen seines weiten Horizonts, der über die Einzelfallstudie hinaus reicht, und wegen der Fülle der angebotenen Materialien und Anregungen für alle Verantwortlichen in Bürgersendern und Interessierte an den „zugangsoffenen Medien“ zu empfehlen.

Author: Hans-Uwe Daumann
E-Mail: redaktion@connex-magazin.de

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