Berlin: „Qualitätsstandards“ der Medien in der Diskussion

Ca. 70.000 – es können auch 80.000 sein – hauptamtliche Journalisten zählt der ehemalige DJV-Vorsitzende Prof. Dr. Siegfried Weischenberg, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hamburg, in Deutschland. Den größten Unsicherheitsfaktor in dieser Zahl stellen die freien Journalisten – bis zu 30.000 Menschen, die in den Zeiten schlechter Medienkonjunktur zwischen hauptamtlicher freier Tätigkeit, nebenamtlicher Honorartätigkeit und Arbeitslosigkeitsmeldung fluktuieren.

Der große Anteil Selbstständiger prägt den Mediensektor und macht ihn zu einem „Frühwarnsystem für die künftige Arbeitsgesellschaft“ (Weischenberg). Auswirkungen der derzeitigen Wirtschaftslage auf das Arbeitsfeld Journalismus und auf die Qualität unserer Medien diskutierten am 29. August in Berlin 50 TeilnehmerInnen im Rahmen der Tagung „Qualitätsstandards in den Medien: Zeit für neue Formen der Ausbildung und Aufsicht?“ Zu der Tagung hatte die grüne Bundestagsabgeordnete und medienpolitische Sprecherin Grietje Bettin eingeladen.

 

Prof. Gabriele Goderbauer-Marchner, Geschäftsführerin des Mediencampus Bayern e. V., bezog sich auf das weite Feld der Medienaus- und -weiterbildung insgesamt, die Qualifizierung von ProduktionsmitarbeiterInnen in Hörfunk und Fernsehen inbegiffen, als sie Reformen anmahnte: Mehr Verknüpfung von Theorie und Praxis, Vernetzung und Qualitätsmanagement in den Bildungsinstitutionen. Den Mediencampus Bayern, einen Zusammenschluss solcher Einrichtungen, der keine eigenen Bildungsmaßnahmen durchführt, aber auf gemeinsame Mindeststandards achtet, stellte sie als Modell für andere Bundesländer dar.

 

Prof. Dr. Hans J. Kleinsteuber, Hamburger Politikwissenschaftler, hielt ein „Plädoyer für
Regulierung“ und beleuchtete darin die aktuelle Hamburger Situation, in der der Offene Kanal geschlossen wurde und seine Mittel zu Gunsten einer neuen, privat organisierten Medienbildungseinrichtung umgeschichtet werden.

 

Öffentlich-rechtlich und privat organisierte Medien kommerzieller oder nichtkommerzieller Ausrichtung sind kommunizierende Systeme; Werbeflaute und der schrumpfende Arbeitsmarkt für Journalisten machen sich indirekt auch im Bereich der Bürgermedien bemerkbar. Noch sind Medienberufe absolute Traumberufe für SchulabsolventInnen – das stetig sinkende Ansehen der JournalistInnen in Berufsumfragen kann der Attraktivität des Berufsfelds beim Nachwuchs bisher nichts anhaben. Ein nicht geringer Teil hoffnungsfroher junger Menschen durchläuft Offene Kanäle und Nichtkommerzielle Lokalradios, immer öfter auch in Form einer Berufsausbildung, z. B. zum/r MediengestalterIn Bild und Ton, als Station auf dem Weg zur Medienkarriere. Wollen die Träger der Bürgermedien sich nicht dem Vorwurf aussetzen, Jugendliche aus eigennützigen Motiven auf höchst unsichere Berufswege zu locken, dann muss die Diskussion um „Qualitätsstandards in den Medien“ und „neue Formen der Ausbildung“ auch von ihnen aufgegriffen werden.


Die Tagung „Qualitätsstandards in den Medien“ wurde vom Offenen Kanal Berlin im Rahmen des Projekts „OKB vor Ort“ aufgezeichnet und ist am 17. Oktober ab 22 Uhr im Berliner Kabelnetz zu sehen.

Author: Hans-Uwe Daumann
E-Mail: redaktion@connex-magazin.de

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