Minderheit oder Mainstream? Bürgermedien im Spagat

In Magdeburg war viel von Gratwanderungen die Rede, und vom unfreiwilligen Spagat, wenn die Gratwanderung misslingt. 100 VertreterInnen von Offenen Kanälen, Nichtkommerziellen Lokalradios, Bürgerrundfunksendern und Landesmedienanstalten kamen am 11. Oktober im Magdeburger Landtag zusammen, um sich lobende Grußworte sachsen-anhaltinischer Politiker und von den übrigen Gästen eine ganze Menge unangenehmer Thesen anzuhören.


Prof. Dr. Helmut Volpers von der Fachhochschule Köln beschwor die Geister der Gegenöffentlichkeit und forderte die Wiederentdeckung  des anwaltschaftlichen Journalismus. In den Bürgermedien müsse endlich ein „Perspektivwechsel von der Nutzerorientierung zur Rezipientenorientierung“  vollzogen werden. Prof. Dr. Norbert Sander (Universität Bielefeld) beschrieb die Chancen, die sich für Bürgermedien aus dem „inflationär gebrauchten Wort Medienkompetenz“ ergeben: „Für Partizipationskompetenz gibt es keine Vermittlungsinstanz“, dies sei der Part der Bürgersender. Da hatten die anwesenden Bürgermedien-VertreterInnen den Spagat: Publizistische Ergänzungsfunktion auf der einen, Medienbildungsaufgabe auf der anderen Seite vertragen sich manchmal nicht allzu gut.
Doch die Verantwortlichen aus den Sendern ließen sich noch mehr zumuten: Dr. Wolfgang Hagen vom DeutschlandRadio Berlin forderte die Formatierung der Bürgerradios. 80 % der Hörer schalteten der Musik wegen ein, und diesen 80 % müsse man (zumindest werktäglich tagsüber) ein klares Musikformat anbieten. Mainstream oder Nische? Wäre vor einigen Jahren aus dem Publikum noch vehement der Minderheitenschutz eingeklagt worden, so regte sich in Magdeburg nur zaghaft Widerspruch.


Da war der Keynote-Speaker Werner Lauff noch angenehmer gewesen, als er amüsant formuliert den Niedergang der Medienpolitik beklagte und nach einer neuen Bürgermedienpolitik verlangte. Auch die letzte Podiumsrunde – zum Thema „Bürgermedien und Integration“ – stimmte versöhnlich, denn Prof. Dr. Winand Gellner von der Universität Passau forderte den Wandel der multikulturellen deutschen Gesellschaft weg vom Integrationsanspruch hin zum Koordinationskonzept und konzedierte den Bürgermedien quasi eine Vorbildfunktion: Bürgermedien seien „essentiell für die Bewahrung eines Mitwirkungspluralismus“. Irritierend war dabei nur, dass Andreas Troché, der im OK Hamburg eine internationale Redaktionsgruppe aufgebaut hat, von ihr nur in der Vergangenheitsform erzählen konnte. Die Bemühungen der Hamburger, fremdsprachige NutzerInnen zu koordinieren und zur Zweisprachigkeit zu motivieren, hatten ihnen beim Kampf gegen die OK-Schließung keine Bonuspunkte eingebracht.


Dr. Hans Paukens, Leiter der Dortmunder Hörfunkakademie und Moderator des Bürgermedienkongresses, geriet unverhofft in die Lage, die Bürgersender gegen eine mögliche Überforderung in Schutz nehmen zu müssen. „Trapezkünstler oder Bodenturner“ müssten die MitarbeiterInnen sein; Akrobaten allemal, um zwischen Medienkultur, Medienbildung, Partizipation, Integration, Information und anwaltschaftlichem Journalismus hin und her springen zu können. Letztlich blieb ungeklärt, welche Zirkusnummer beim Publikum den verdienten Applaus erhält. Um diese ungeklärte Frage nicht zu lange liegen zu lassen, mahnte Paukens an, sich „nicht erst wieder in 4 Jahren“ zum nächsten Bundeskongress zu treffen.

Author: Hans-Uwe Daumann
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