„Vorm Schneiden hatte ich Bammel“

Videokassette einlegen, bis zum Beginn des Beitrags vorspulen, auf der Vorschauschiene Bild und Ton prüfen, ein Blick auf die Uhr, auf Start drücken, den Bildmischerhebel umlegen, die Tonregler hoch: Der Offene Kanal Worms ist auf Sendung.

Als Anneliese Boller 1991 beim Offenen Kanal im Keller der Karmeliterschule anfing, wollte sie mit der Sendetechnik nichts zu tun haben. Sie wollte raus aus dem Haushalt und ein Kontrastprogramm zur Kirchengemeinde ihres Mannes, in der sie sonntags die Orgel spielte und wochentags den Flötenkreis leitete. Auch an ihre kaufmännische Ausbildung und das Lehrerstudium wollte sie nicht anknüpfen. Das Angebot des Arbeitsamtes, die Organisation des Bürgerfernsehens in Worms zu übernehmen, nahm sie dankend an. Um Verwaltung gehe es, nicht um Technik, hatte ihr der Vorsitzende des Trägervereins Ulrich Frisch erklärt.

Nach 12 Jahren ist Anneliese Boller eine Lokalfernseh-Allrounderin. Die Friedensrichterin der ehrenamtlichen Fernsehcrew. Die Seele des Betriebs. Seit vier Jahren ist sie Rentnerin. Der gemeinnützige Verein Offener Kanal Worms e. V. hatte ihr acht Jahre lang erst 20, dann 15 Wochenstunden bezahlen können, eine Nachfolgerin war nicht zu finanzieren. Geld war ohnehin nie ihr wichtigster Antrieb. Was macht ihr Spaß am ehrenamtlichen Job? „Der Umgang mit Leuten; unterschiedlichen Leuten helfen zu können; am Programm mehr das Machen als das Ergebnis, zum Beispiel: Eine Ein-Mann-Livesendung zu machen.“
Etwa an einem der letzten Wochenenden:  Am Freitag kam Michael Meierhofer ins Studio, um ein Livegespräch mit einem Wormser Schriftsteller zu produzieren. Er war alleine. Anneliese Boller richtete drei Studiokameras ein, verkabelte Mikrofone und mischte die Sendung live ab. Am Samstag war der Tischtennisverein Worms-Leiselheim in den Schulkatakomben. Wieder war Anneliese Boller Herrin über alle Regler. Und am Sonntag lief wie immer die Livesendung „Lokalsport aktuell“. Dasselbe Bild. Im Scheinwerferlicht präsentierte Moderator Gerd-Heiner Bickel die Spielberichte der Wormser Fußballvereine, hinter den Kameras regierte die ehemalige Volksschullehrerin.
Die ihren Ehemann, den pensionierten Pfarrer darin bestärkt hat, dass in ihm Talente als Kameramann und Fußballreporter schlummern. Ihr pädagogisches Geschick konnte sie im Offenen Kanal immer dann einsetzen, wenn sie Jugendliche als Mentorin dabei begleitete, sich in einer Gemeinschaft mittelalterlicher und älterer Respektspersonen einen Freiraum zu erobern. Lars Olbrisch zum Beispiel oder Stefan Eschenfelder kamen als Halbwüchsige und haben sich in einigen Jahren Freizeitfernsehen so viel Erfahrung angeeignet, dass sie jetzt im Medienbereich eine Ausbildung anstreben. Wormser Schulen schicken Berufspraktikanten zu ihr. In Worms bildet sie Erzieherinnen im Umgang mit Kamera und Schnittcomputer aus, und im benachbarten Alzey leitet sie Videoworkshops für Mädchen. Anneliese Boller ist im Offenen Kanal die „Frau, die alle kennt“. Für viele andere Ehrenamtliche ist sie Identifikationsfigur. Was sie nicht möchte: „Als OK-Oma ins Guinness-Buch der Rekorde kommen.“


Die Offenen Kanäle in Rheinland-Pfalz sind auch in der bundesweiten Szene der „Bürgermedien“ etwas Besonderes: Nicht nur die lokalen Fernsehsendungen stammen von Hobbyisten, auch die organisatorische Arbeit hinter den Kulissen wird meist ehrenamtlich geleistet. Einige tausend FilmemacherInnen sind im Umfeld Offener Kanäle aktiv, aber in jedem der 28 Bürgersender im Land gibt es einige Menschen, die „den Laden zusammen halten“. Meist sind das nicht die Vorsitzenden der Trägervereine. Aber auch in dieser Hinsicht ist Anneliese Boller eine Ausnahme: Nach ihrer „Pensionierung“ 1999 hat sie sich in den Vorstand des Offenen Kanals Worms wählen lassen. Die inzwischen 69-jährige ehrenamtliche Fernsehmanagerin scheut sich nicht, ihren meist männlichen Vorstandskollegen die Meinung zu sagen. Warum auch.

Author: Hans-Uwe Daumann
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