20 Jahre Offener Kanal Ludwigshafen: Hintergrund

Vor 20 Jahren, am 1. Januar 1984 begann nicht nur PKS/SAT1 seinen Sendebetrieb, sondern auch der Offene Kanal Ludwigshafen/Vorderpfalz. Beide sonst so unterschiedlichen Sender starteten auf der gleichen Rechtsgrundlage: Dem rheinland-pfälzischen Landesgesetz über einen Versuch mit Breitbandkabel. Die Einführung des privaten Rundfunks in Deutschland in Form von vier Kabelpilotprojekten – in Ludwigshafen, München, Berlin und Dortmund – war das Ergebnis einer langwierigen politischen Kontroverse, die das Ende der sozialliberalen Bundesregierung 1982 überdauert hatte. Die nachfolgende CDU/FDP-Regierung forcierte den Ausbau der Kabelnetze durch die deutsche Bundespost und schuf so die wichtigste technische Infrastruktur für die Verbreitung der neuen Privatsender.

Den Lobbyisten Offener Kanäle, die sich in der „Expertenkommission Offener Kanal“ (EOK) zusammengeschlossen hatten, gelang es, im Rahmen der Pilotprojekte Bürgerhörfunk und -fernsehen zu installieren  – erst in Ludwigshafen, dann in Dortmund und Berlin, nur Bayern blieb und bleibt bis heute außen vor. Das demokratische „Feigenblatt“, wie es von den Kabelgegnern apostrophiert wurde, leistete schließlich keinen entscheidenden Beitrag zur Legitimation der Rundfunkreformen, die vor und nach dem Ende der Projekte in allen Bundesländern vollzogen wurden, entwickelte aber seine eigene Dynamik und brachte die Vision einer „dritten Säule der Rundfunkordnung“ hervor. Im Dezember 1986 startete in der Kleinstadt Neustadt an der Weinstraße der erste „lokale Offene Kanal“ außerhalb eines Pilotprojekts, dem weitere 26 in Rheinland-Pfalz und insgesamt weit über 70 in Deutschland folgen sollten.

 

Der Offene Kanal Ludwigshafen/Vorderpfalz sendete ursprünglich aus dem gleichen Studio, das auch von SAT1 und anderen privaten Fernsehveranstaltern genutzt wurde. Technischer und rechtlicher Träger war die „Anstalt für Kabelkommunikation“ (AKK), aus der 1987 die „Landeszentrale für private Rundfunkveranstalter“ (LPR) als Landesmedienanstalt und daneben ein in privatrechtlicher Form bis heute bestehender Fernsehdienstleister (AKK GmbH) hervorgingen. Die professionelle AKK-Studiocrew zeichnete nicht nur PKS/SAT1-Ansagen auf, sondern auch unzählige Sendungen des Offenen Kanals. Rockbands, Sänger, Zauberer, Astrologen und Travestiekünstler aus ganz Deutschland nutzten die ursprünglich sehr tolerante Regelung, die ihnen eine kostenfreie „Auftragsproduktion“ im AKK-Studio erlaubte. Wer draußen drehen wollte, hatte es schwerer: Er musste sich mit einer aus heutiger Sicht grotesk unhandlichen Umatic-Kameraausrüstung herumschlagen.
Der Offene Kanal in Ludwigshafen verstand sich als Labor: Mit mehr als einem Jahr Vorsprung vor Berlin und Dortmund hatte der „OK-Redakteur“ (so seine offizielle Dienstbezeichnung) Ulrich Kamp die Chance, so Manches auszuprobieren: Von der „bürgerfesten“ Produktionstechnik bis zu Zugangsregeln, Satzungsnormen und GEMA-Formularen. Es entstand das berühmte und meist missverstandene „Prinzip der Schlange“, aber gleichzeitig wurden bereits regelmäßige Wiederholungsschleifen erprobt, erste Zielgruppenprojekte gestartet, erste Nutzerschulungen durchgeführt und Kontakte zu Schulen geknüpft.

 

Die Ausgangsbedingungen waren für den Offenen Kanal, SAT1, die „Musikbox“, den „Schlauen Kanal“ des Südwestfunks, den ZDF-Musikkanal, den Mischkanal und den gemeinnützigen Bürgerservice ähnlich: Aus wenigen hundert  angeschlossenen Kabelhaushalten in der Region Vorderpfalz wurden im Laufe der drei Projektjahre etwa eine Viertelmillion. Während aber SAT1 alsbald von Ludwigshafen aus per Satellit ganz Deutschland abdeckte, führte der anders gelagerte Erfolg des Modells Offener Kanal zur Ausgründung weiterer lokaler Bürgerkanäle im alten Projektgebiet – auf Neustadt folgten Schifferstadt, Worms, Speyer und Hassloch/Böhl-Iggelheim – und damit zur Kannibalisierung der Verbreitungsbasis. Heute erreicht der Offene Kanal Ludwigshafen/Vorderpfalz in den kreisfreien Städten Ludwigshafen und Frankenthal und im Rhein-Pfalz-Kreis etwas über 100.000 Haushalte und damit knapp eine Viertelmillion Zuschauer.

Ein Stiefkind des Pilotprojekts war allerdings der Kabelhörfunk. Der Radioempfang über die Steckdose war so unattraktiv,  dass zuweilen bei DJ-Sendungen des Offenen Kanals die Freunde der Bürgerfunker ihre Autos direkt vor dem AKK-Gebäude parkten, weil die Kabelsendetechnik ausreichend stark abstrahlte, um Autoradioempfang zu ermöglichen. Aussicht auf eine UKW-Frequenz für den Hörfunk-OK bestand nicht, 1989 wurde er eingestellt. Einige Radio-Fans machten dann tapfer „Radio im Fernsehen“, einige Andere tauchten erst Anfang des neuen Jahrhunderts wieder aus der Versenkung auf, als im benachbarten Mannheim das nichtkommerzielle Lokalradio Bermudafunk auf Sendung ging.

Ende 1986 zog der Offene Kanal aus dem AKK-Gebäude in eigene Räume, vom Stadtrand in den belebten Innenstadtteil Hemshof. Der Umzug war Teil eines Normalisierungsprozesses. Der „OK-Tourismus“ aus ganz Deutschland nahm ab, das Eigengewicht der ausleihbaren Videotechnik ebenfalls. Der Offene Kanal in Ludwigshafen wurde lokaler und alltäglicher. Ein Schild an der Eingangstür erinnert bis heute daran, dass hier über Ludwigshafen hinaus gedacht und gearbeitet wurde: „Werkstatt Offener Kanal“  steht darauf. Den Werkstattcharakter hat der Offene Kanal Ludwigshafen nie ganz verloren. Gerade im Augenblick wird hier wieder heftig experimentiert. In Ludwigshafen entsteht ein „Offener Kanal neuen Typs“; ein Modell, das den geänderten Erwartungen und Anforderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts gerecht werden soll.

 

ConneX widmet sich der Geschichte und der Zukunft Offener Kanäle. In loser Folge sollen im Jubiläumsjahr 2004 Beiträge verschiedener Autoren zum Thema erscheinen.

Author: Hans-Uwe Daumann
E-Mail: redaktion@connex-magazin.de

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