Die OK-Veteranen springen über ihre Schatten

Die Jahrestreffen Offener Kanäle, seit 11 Jahren in Berlin, zerfallen traditionell in einen mehr internen und einen mehr öffentlichen Teil. Am 18. Juni 2004, am Vorabend des Jubiläumsevents „20 Jahre Offene Kanäle – Mut zur Demokratie“ lud der Bundesverband Offene Kanäle zur „Revue der Meilensteine“ ins Kino des alternativen Kulturzentrums Tacheles ein.


Die Diskussionen um Offene Kanäle in Deutschland sind fast so alt wie der Beschluss der Ministerpräsidenten von 1978, zur Erprobung privaten Rundfunks 4 „Kabelpilotprojekte“ durchzuführen. Die „Expertenkommission Offener Kanal“, angeführt von Christian Longolius, war damals wesentlicher Motor für die Bestrebungen, neben kommerziellem Radio und Fernsehen auch nichtkommerzielle Bürgermedien in Deutschland zu installieren. Der erste Meilenstein war dann sicherlich der Start des ersten Offenen Kanals am 1. Januar 1984 in Ludwigshafen. In vielen Zeitungsartikeln wird im Jubiläumsjahr die Pionierzeit beschworen: Der SAT1-Vorgänger PKS, ebenfalls am 1.1. in Ludwigshafen am Start, kam dem „Auslandssender“ RTL, der ab 2. Januar von Luxemburg aus Antennenempfänger im Westen Deutschlands erreichte, um einen Tag zuvor. Die Randnotiz der Privatrundfunkgeschichte wird in diesen Artikeln meist unterschlagen: Der Offene Kanal war 43 Minuten eher dran als PKS; um 9.45 Uhr am Neujahrsmorgen konnten die wenigen wachen Kabelempfänger (gerade mal einige hundert Haushalte hingen schon am Netz) den ersten Beitrag „Blick zurück auf 1984“ sehen.


1. Mai 1985 in Dortmund: Zwei Jungfilmer kampierten vor der Direktorenvilla der Bergmannsschule, in der der OK Dortmund, formal in der Pilotzeit eine Untergliederung des WDR, untergebracht war. Eine Gruppe um Norbert Böhmer wollte die erste sein, die eine Sendung im Offenen Kanal anmeldete, und tatsächlich: Mit dem Magazin „Hallo“ begann die OK-Sendetätigkeit in Nordrhein-Westfalen.
3 Monate später wurde auch im Berliner Pilotprojekt ein Offener Kanal installiert, verteilt auf verschiedene, politisch und OK-philosophisch differierende Trägervereine. Dieses dritte Strukturmodell hielt nicht lange, Ende 1987 übernahmen die Landesmedienanstalt und Jürgen Linke das Zepter. Ohne Offene Kanäle auskommen musste nur das Münchner Kabelpilotprojekt und mit ihm Bayern; dies bis auf den heutigen Tag.
1987/88 entstanden die ersten echten „lokalen Offenen Kanäle“ in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Christian Longolius, inzwischen auch Leiter des Offenen Kanals Dortmund, befand, dass ein Bundesverband Offener Kanäle zu gründen sei. Am 9. September 1988 gelang es, in Bonn sieben OK-Initiativen zusammenzuführen (einer davon – dem Trägerverein des geplanten Offenen Kanals Hagen – gelang es nie, ihren Bürgersender tatsächlich ins Leben zu rufen). Erster BOK-Vorsitzender wurde der Ludwigshafener OK-Leiter Ulrich Kamp.

In der in den folgenden Jahren aufbrandenden „ideologischen Diskussion der OK-Fürsten“ bildeten sich, grob gesagt, zwei „Schulen“, die man salopp als „Fundis“ und „Realos“ bezeichnen kann. Der Streit wurde auch in den Bundesverband herein getragen. Mit einer ersten BOK-Klausur, die 1994 im Moselörtchen Kleinich stattfand, gelang es, sich auf gemeinsame „Essentials“ zu einigen: Der „Kleinicher Kompromiss“, bald als „kleinlicher Kompromiss“ geschmäht, bildete den Anfang einer Reihe von BOK-Grundsatzpapieren, zu denen sich am Rande des OK-Jahrestreffens die 2004 erarbeiteten „Buckower Perspektiven“ gesellten.

 

Die Meilensteine der OK-Entwicklung wurden im „Tacheles“ von langjährigen Protagonisten wie Angelika Jaenicke und Jürgen Linke präsentiert; auch Uwe Parpart, bremischer OK-Beauftragter und ehemals Antipode des „OK-Fundis“ Ulrich Kamp, hatte einen launigen Auftritt, der vor allem eines deutlich machte: Die OK-Veteranen können und wollen über ihre Schatten springen.

 

Bei allem, was sich seit 1984 geändert hat: „Typisch OK“ waren die meisten der Fernseh- und Radiospots, die zum Wettbewerb „Mein Sender“ des Bundesverbands Offene Kanäle eingereicht worden waren. Im Anschluss an die „Revue der Meilensteine“ wurden sie im Tacheles-Kino präsentiert und bewertet. Opulent in der Wahl der Effekte, sparsam und recht herkömmlich in der Aussage kam die Eigenwerbung der OK-Nutzer für ihre Bürgersender daher. Verdienter Sieger in der TV-Kategorie wurde Jan Froboese vom Dortmunder „florian tv“. Professionell gemacht, klar und in den eingesetzten Mitteln reduziert, war sein Spot der einzige, der stilistisch auf der Höhe der Zeit war. Er stand für den neuen Ausbildungs- und Erprobungskanal in Dortmund, in dem der dortige OK gerade aufgegangen ist, könnte in seiner Machart jedoch auch für eine Sparkasse oder Krankenversicherung werben.

 

Foto: Norbert Wortmann, Leiter des OK Dortmund, nahm aus der Hand von Jürgen Linke den Preis des Trailerwettbewerbs für „florian tv“ entgegen.

Author: Hans-Uwe Daumann
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