Bernhard Vogel: 20 Jahre OKs „nur Zwischenstation“

Das Berliner Palais am Festungsgraben war einmal die Dienstwohnung des preussischen Staatsministers Freiherr vom Stein. Heute finden dort Hochzeiten und Tagungen statt, oder eben Festlichkeiten wie das offizielle 20-jährige Jubiläum der deutschen Offenen Kanäle, das der Bundesverband Offene Kanäle am 19. Juni unter dem Motto „Mut zur  Demokratie“ ausrichtete. Werner Lauff, Medienberater und Moderator des Jubiläumsevents, wies denn auch darauf hin, dass das Haus des preussischen Reformers ein guter Ort für das Bürgermedienjubiläum sei.

 

Lauff, der das duale Rundfunksystem vor 20 Jahren als CDU-Mitarbeiter einführen half und später in verschiedenen leitenden Funktionen in der Medienindustrie an seiner Fortentwicklung beteiligt war, flocht der nichtkommerziellen „dritten Säule“ verbale Kränze: Offene Kanäle seien ein „unverzichtbarer Beitrag zur Demokratie“. „Machen Sie weiter, lassen Sie nicht nach!“ rief er den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Offener Kanäle, den Anwesenden und den Zuschauern der TV-Aufzeichnung des Events zu. Jürgen Linke, als Vorsitzender des Bundesverbands Veranstalter der Festivität, hauptberuflich Leiter des Offenen Kanals Berlin, zog sein Fazit: „Offene Kanäle sind eine Chance. Chancen entwickelt und verteidigt man am besten dadurch, dass man sie nutzt.“

Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg MABB, ist Träger des OK Berlin. Angesichts der Befürchtungen, die bei der Gründung geäußert worden waren, bilanzierte er: „Man kann den Bürger an die Kamera lassen.“ Zu echten Problemen sei es bisher nur in der Zeit des Iran-Irak-Krieges und im Zusammenhang mit Sendungen über die Palästinafrage gekommen. Offene Kanäle müssten sich jedoch fortentwickeln, denn: „Wir sind viel mehr auf dem Prüfstand, als Manches im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“. Ein positives Beispiel für die Flexibilität Offener Kanäle sieht Hege im Berliner Modell des „Vor-Ort-TV“. Das „lokale Phoenix“ mit seinen Veranstaltungsaufzeichnungen heimste auch von einigen anderen der Redner Lob ein.

 

„Geburtstage soll man nicht zählen, sondern feiern.“ Mit diesem Wahlspruch begann Prof. Wolfgang Thaenert, Direktor der LPR Hessen und momentan DLM-Vorsitzender. Zahlen nannte auch er: In den (momentan) 70 Offenen Kanälen sind bisher eine knappe halbe Million von Bürgern gestaltete Beiträge zur Sendung gekommen. Thaenert hob die Integrationskraft Offener Kanäle hervor: Sie seien Foren kommunalpolitischer Diskussion, hier träfen sich „Alt und Jung, Profis und Anfänger, ausländische und deutsche Mitbürger.“ Ihre Rolle bei der Vermittlung von Medienkompetenz fasste er für Hessen zusammen: Offene Kanäle seien „Knotenpunkte auf der medienpädagogischen Landkarte“.

 

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, war einer der Hauptredner des Tages. Er hob die lange Tradition der Kooperation von Bundeszentrale und Offenen Kanälen hervor. Er nannte „7 Gründe für Offene Kanäle – 3 warum wir sie brauchen, und 4, wie ich sie mir wünsche“:
– Offene Kanäle, ursprünglich ein medienpolitisches Zugeständnis, würden unverändert als Stachel im Fleisch des Mediensystems benötigt.
– Auch künftig sollten sie für „Irritation im massenmedialen Mainstream“ sorgen.
– Es dürfe daher „nicht weniger Offene Kanäle geben, sondern Offene Kanäle in allen Medien“.
Und so wünscht sich Thomas Krüger Offene Kanäle:
– „In den Inhalten liberal“,
– „in den Formaten universal“,
– „aktiv in den lokalen Netzwerken der Zivilgesellschaft“, und
– „in den Netzwerken der Medien maximal transversal“.
Den im besonders am Herzen liegenden Aspekt der Verknüpfung von Offenen Kanälen und Internet riss Krüger an: „Es reicht nicht, ein paar Websites aufzubauen“. Im „Medienverbund lokal-medialer Communities“ sieht Krüger strategisch das „ungeborgene Potential“ der Bürgerkanäle.

 

Von der FDP kam Cornelia Schmalz-Jacobsen als Gratulantin. Als ehemalige Ausländerbeauftragte des Bundes betonte auch sie die integrative Rolle der Offenen Kanäle. Sie seien ein „hervorragendes Mittel der Kommunikation für Minderheiten“. Klaus Uwe Benneter, SPD-Generalsekretär, erinnerte daran, dass die SPD bei ihrem Parteitag im Mai 1984 in Essen die gesetzliche Absicherung Offener Kanäle verlangt habe, und freute sich, „wie prächtig das Kind geworden ist“. Karin Junker, scheidendes Mitglied des Europaparlaments, sah in den lokalen Auswirkungen europäischer Politik „ein weites Feld für Offene Kanäle“. Europäische Öffentlichkeit setzt sich in ihrer Sicht aus vielen regionalen oder auch nationalen Öffentlichkeiten zusammen. Die Produktion lokaler Medieninhalte war z. B. auch ein Anliegen des Weltinformationsgifels in Genf 2003. Junker lobte die bestehenden europäischen Projekte Offener Kanäle und wünschte zum Geburtstag: „Geldknappheit soll nicht dazu führen, dass aus dem properen Teenie ein magersüchtiger Twen wird.“

 

Prof. Dr. Bernhard Vogel, ehemaliger Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen, ist den Offenen Kanälen nicht nur als medienpolitischer Gestalter des Kabelpilotprojekts in Ludwigshafen und der Mediengesetze in zwei Bundesländern verbunden, sondern auch als Präsident der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er begann seine Rede dann auch mit einem Dank an die Berliner OK-Verantwortlichen, die mittels „Vor-Ort-TV“ und via Offenem Kanal viele Veranstaltungen der Stiftung einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen.
Nicht auf die Stiftungen der Parteien, sondern auf die Aufgabenstellung Offener Kanäle bezogen sagte er: „Politische Bildungsarbeit ist ohne Frage wichtiger denn je. … Je mehr Freiheit herrscht, um so mehr müssen wir Demokratie lernen und lehren.“ Die Übersetzung der großen Politik in die jeweiligen konkreten Auswirkungen vor Ort sei etwas, das von Offenen Kanälen bestens geleistet werden könne. 70 Offene Kanäle sei zwar eine „erfreuliche Zahl“, die aber noch gesteigert werden könne. Insofern sei der 20. Geburtstag der Offenen Kanäle „nur eine Zwischenstation“.

 

Werner Lauff schloss die Veranstaltung nach drei Stunden mit den Worten: „Wer nach diesen Reden noch Zweifel hat, ob Offene Kanäle notwendig sind, dem ist nicht zu helfen.“

 

 

DOC-Download: DLM-Pressemitteilung vom 21.06.2004,

„20 Jahre Offene Kanäle: Positive Bilanzen und Entwicklungspotentiale“

Author: Hans-Uwe Daumann
E-Mail: redaktion@connex-magazin.de

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