„Zeig uns Deine Welt!“ – Gehörlose machen TV

Seit dem Jahr 2000 besteht eine aktive Zusammenarbeit von Gehörlosen (GL) und Hörenden im Offenen Kanal Saalfeld. Gehörlose unseres Verbreitungsgebietes engagierten sich unter anderem für den Erhalt der einzigen Thüringer Schwerhörigen- und Gehörlosenschule in Erfurt. Mit einem Beitrag über die Diskussion zum zukünftigen Standort dieser Schule erregten sie großes Aufsehen. Für ihr Engagement und die gelungene Gestaltung erhielten Martina Schleif (GL), Ingrid Kiaulehn (GL) und Kerstin Kiaulehn den TLM-Fernsehpreis für Bürgerrundfunk 2001 in der Kategorie „Die unveröffentlichte Geschichte“.
Seitdem produzieren gehörlose Nutzer regelmäßig Beiträge zu den unterschiedlichsten Themen:
– Frauenpolitik
– Arbeitspolitik
– Behindertenpolitik
– Schulpolitik
– Kulturereignisse wie das Europäische Kulturfestival 2004 in Stockholm
– GL-Theater „PAX-Theater“ und Kinderzirkus
– Gehörlosenkultur und Vereinsleben

Elf Sendungen sind bereits im Offenen Kanal Saalfeld ausgestrahlt worden und weitere sechs Projekte befinden sich in Vorbereitung.

Ein aktives und offenes Miteinander von Gehörlosen und Hörenden in der Auseinandersetzung mit Medien trägt zur Integration gehörloser Menschen in ihre hörende Umwelt bei. Durch die gemeinsame Arbeit an Sendeprojekten bieten sich Hörenden zahlreiche Möglichkeiten, die Kultur und Sprache gehörloser Menschen kennen zu lernen und bestehende Berührungsängste oder Vorurteile abzubauen. Der Umgang mit der Technik, die Erarbeitung von Sendekonzepten und auch die Umsetzung der Sendungen im Studio sind Prozesse, die an ein hohes Maß an Kommunikation gebunden sind. Integrative Projekte tragen deshalb auf beiden Seiten zur Überwindung bestehender Kommunikationsbarrieren bei.
So entstand die Idee für das Projekt: „Medien verbinden? – Na klar! – Zeig mir Deine Welt!“

Unter diesem Thema stand die einstündige Live – Sendung, die der Offene Kanal Saalfeld e.V. am 1. September 2001, mit damals zwei unserer aktivsten Nutzergruppen von der Internationalen Funkausstellung in Berlin gestaltet hat. Das geplante Programm bot Einblicke in das künstlerische Schaffen zweier sehr unterschiedlicher Kulturen, wobei die Gestaltung vor und hinter der Kamera gemeinsam von Hörenden und Gehörlosen jeweils als Team geleistet wurde. Alle Programmpunkte wurden live gedolmetscht oder waren untertitelt. Das Programm stand beispielgebend dafür, dass gerade im Bereich der Medien viele Chancen einer aktiven Teilhabe von Gehörlosen bestehen.

Im Jahr 2002 haben wir zunehmend für Hörbehinderte Schulungen in den Bereichen „Technik“ sowie „Gestaltung“ angeboten und durchgeführt. Diese wurden permanent von einer Gebärdensprachdolmetscherin begleitet. Daraus entstand eine Redaktionsgruppe von 6 Teilnehmern, die je nach Bedarf zum Einsatz kommen. Frau Ingrid Kiaulehn leitet die Geschicke dieser Gruppe und koordiniert die Aufzeichnungen sowie die Nachbearbeitungen.
Unser Ansatz war von Anfang an die Befähigung der gehörlosen Nutzer zur selbständigen technisch-gestalterischen und organisatorischen Umsetzung ihrer Ideen. Die Betreuung dieser Gruppe war zunächst sehr intensiv. Inzwischen arbeiten die Redaktionsmitglieder selbständig an der Technik und holen sich lediglich ab und zu einen Rat von unseren Mitarbeitern.
Neben dieser Entwicklung entstand im Juli 2000 eine Sendereihe von Hörenden und Gehörlosen, die die Zuschauer für 20 Minuten in die Welt der Gehörlosen holt.
„Gebärde mit uns“ greift Themen aus dem Alltag Gehörloser auf und vermittelt Hörenden Bilder der anderen Kultur. Wusste doch kaum einer von uns wie verschiedene Lebensmittel oder gar „Obstsalat“ gebärdet wird. Auch hierin steckt der integrative Gedanke, denn die Sendung wird von einer Hörenden und jeweils einer/m gehörlosen Nutzer/in gemeinsam produziert.

 

Die Gehörlosen-Redaktion hat in den vergangenen 4 Jahren ihren eigenen Anspruch an Fernsehen entwickelt. Gehörlose gestalten ihr Programm selbst und sie haben Spaß daran! Sie erschließen sich den Zugang zu einer Domäne von Hörenden und bringen ihre eigenen Vorstellungen in die Produktionen ein. Das trägt wesentlich zur Steigerung ihres Selbstwertgefühls bei.
Die Nähe von Nutzern und Zuschauern ermöglicht die nötige Öffentlichkeit und die damit verbundene Akzeptanz für die spezifischen Themen dieses Kreises. Die Gehörlosen-Redaktion ist ein fester Bestandteil unserer Einrichtung geworden. Die Mitglieder sind neben der Verwirklichung ihrer Themen aber auch immer an den Themen der anderen Nutzer interessiert. So entstehen ständig neue Kontakte und Verknüpfungen zu anderen Gruppen oder Einzelnutzern, die sich auf die Bedürfnisse hörbehinderter Mitmenschen einstellen. Ein Nutzer, der Mitglied eines Fördervereins ist, veröffentlicht seit 2003 seine Sendebeiträge vorwiegend mit Untertiteln. Und im Herbst 2004 wird ein gemeinsames Videoprojekt zur Präsentation historisch-technischer Abläufe bei der Stahlerzeugung entstehen. Inzwischen führen wir als Einrichtung auch Praktika für Hörbehinderte durch.
Unsere Erfahrungen zeigen, Gehörlose wollen integriert werden und wir verstehen unsere Aufgabe darin, sie dabei aktiv zu unterstützen.

Author: Cornelia Ehrhardt, Offener Kanal Saalfeld e.V.
E-Mail: info@ok.saalfeld.org

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