OK Gera: Wer Orwell las, war Antisozialist

Wer als junger Mann von seinem westdeutschen Brieffreund ein Exemplar des  Romans „1984“ von George Orwell erhielt und wiederum an Freunde weitergab, geriet wie Baldur Haase in das Visier des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Das Buch, in welchem Orwell das Bild eines Überwachungsstaates zeichnete, stand zu DDR-Zeiten als „antisozialistische Hetzschrift“ auf dem Index.
Anlässlich des einundfünfzigsten Jahrestages des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 fand am 16. Juni eine Diskussionsrunde im Offenen Kanal Gera statt. Neben Baldur Haase, gegen den das MfS eine dreijährige Haftstrafe verhängte, waren auch Martin Geu, Abiturient und Verfasser der Seminarfacharbeit „Jugendliche als inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit“, und Dr. Gerhardt Barkleit, wissen-schaftlicher Mitarbeiter des „Hannah Arendt Instituts für Tota-litarismusforschung e.V.“ an der TU Dresden, ins Studio eingeladen. Unter der Gesprächsleitung von Frank Karbstein, Verein „Gedenkstätte Amthordurchgang“ e.V., reflektierten die Gesprächsteilnehmer nicht nur die Ereignisse um den 17. Juni 1953 und dessen Auswirkungen, sondern auch die orwellschen Publikationen über allgegenwärtige Überwachungsstaaten. Signifikant sei „…, dass die Realität meist schlimmer ist, als die Fiktion eines Schriftstellers es vorweg nehmen kann“, beschrieb Dr. Barkleit die Ergebnisse seiner langjährigen Forschung über die Wirkung totalitärer Staaten. Die heutige Wirklichkeit sei für viele Menschen zu komplex. Sie schaffen „sich ihre eigene kleine Nische“ und im Zuge einer durch die Medien erschaffenen Ostalgiewelle „idealisieren sie Erlebtes in ihrer Erinnerung“. „Die Menschen vergessen, dass die totalitären Diktaturen die Bürger instrumentalisierten und kontrollierten. Die Analysen der Wissenschaft werden jedoch nur zu selten von den Menschen zur Kenntnis genommen“, so Dr. Barkleit.
Umso wichtiger ist es für Baldur Haase, Aufklärungsarbeit über das methodische Vorgehen des SED-Regimes zu leisten. Wie Orwell geht es ihm darum, vor jeder Art von Diktatur und Totalitarismus zu  warnen. Aufklärungsarbeit leistet er vor allem in Schulen, hält Vorträge und sucht immer auch das Gespräch zu seinem jungen Publikum. Nach all den Jahren, in denen die Wahrheit Unzählige noch nicht erreichte, fände er es wichtig, sich auch weiterhin intensiv mit der jüngeren Geschichte auseinander zu setzen. 

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Foto: Im Gespräch: Baldur Haase, Martin Geu, Dr. Gerhardt Barkleit, Frank Karbstein (v.l.n.r.)

Author: OK Gera
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