Vielfalt als positiver Wert: OK-Forschung in Thüringen

Wieder einmal eine Studie zu den Offenen Kanälen. Man kann der Meinung sein, dass dazu schon alles gesagt ist, man kann sich aber auch darüber freuen, dass aktuelle Daten und Ergebnisse vorliegen und damit aktuelle Antworten auf die ewig gestellten Fragen nach Sinn und Zweck der Radio- und Fernsehsender in Bürgerhand. „Formenreichtum als Erfolgsprinzip“ lautet der Titel des Forschungsberichts über „Organisation, Nutzer und Beiträge“ in den Offenen Kanälen in Thüringen, den die Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) Ende 2004 herausgebracht hat.

Es geht also um das „Thüringer Modell“, wie es TLM-Direktor  Dr. Viktor Henle in seiner Einleitung  nennt. „Bürgergesellschaft ist die Organisationsfähigkeit einer Gesellschaft im vorpolitischen Raum, in dem der eigentliche  soziale und politische Zusammenhalt stattfindet. Dazu gehört ein Netzwerk von Vereinen, Stiftungen, Initiativen und Bürgerrundfunk, insbesondere Offenen Kanälen, in denen das soziale Kapital entsteht, auf das die  anderen Teile der Gesellschaft und die Politik angewiesen sind.“ Auch in seiner Organisationsstruktur unterscheidet sich der Bereich Offener Kanäle in Thüringen von dem anderer Bundesländer: 1996 ging als erster ostdeutscher OK der Bürgerfernsehsender in Gera an den Start. 1999 folgten der Offene Fernsehkanal Eichsfeld, Radio OKJ in Jena, Radio Funkwerk für Erfurt und Weimar und der TV-Kanal in Saalfeld. 2001 komplettierten die beiden OK-Radios in Nordhausen und Eisenach die Landschaft. Je ein Fernseh- und ein Hörfunksender – der OK Gera und Radio Funkwerk – sind jeweils direkt Teil der TLM und dienen gleichzeitig als Kompetenzzentren zur Unterstützung der übrigen Stationen, die jeweils von einem Verein getragen und von der TLM subventioniert werden.

Die von der TLM beauftragte und von der Forschungsgruppe Kommunikation und Soziales sowie der TU Ilmenau durchgeführte Forschungsarbeit gliedert sich in drei  wesentliche Bereiche:
– Eine Organisationsanalyse der Offenen Kanäle an Hand von schriftlichen Unterlagen, Gesprächen mit den Mitarbeiterteams und mit Hilfe einer „verdeckten Nutzung“,
– Einer Nutzerbefragung per Telefon und in Interviewgruppen,
– Und einer Inhaltsanalyse von Fernseh- resp. Radiobeiträgen.

Als Dienstleister erhalten die 7 Sender von den befragten Nutzern hervorragende Zensuren. Mit hoher Zufriedenheit werden die Punkte Offenheit und Nutzerfreundlichkeit, ergänzt durch die Kriterien Gleichbehandlung und technische Möglichkeiten bewertet. Über 2.000 Nutzer sind in der Kartei  des OK Gera eingetragen, ca. 1.000 in Jena und Erfurt/Weimar. Gerade diesen Sendern gelingt es durch hervorragende Vernetzung und systematische Zielgruppenansprache, jedes Jahr neue Nutzer zu gewinnen. Ungewöhnlich ist, dass Offene Kanäle in Thüringen  schwerpunktmäßig von arbeitenden Menschen mittleren Alters genutzt werden (Altersdurchschnitt in den Fernsehkanälen: 35 Jahre; im Hörfunkbereich: 29,7 Jahre); Ausnahmen bilden Jena mit einer hohen Nutzung durch Studenten und Nordhausen, wo arbeitslose Erwachsene einen hohen Anteil inne haben. 300 medienpädagogische Projekte pro Jahr, an denen 3.700 Kinder und Jugendliche teilnehmen, stehen für den hohen Stellenwert der OKs in der Medienkompetenzvermittlung.


Inhaltsanalytisch wurden die Anteile verschiedener Programmgenres im Bürgerhörfunk und -fernsehen untersucht. Sowohl die Radioprogramme wie auch die TV-Angebote erfüllen danach – ob im radiospezifischen Musik- oder im lokalen Informationsbereich – eine wesentliche Ergänzungsfunktion. Mit herkömmlichen Medienangeboten sind die Offenen Kanäle – insbesondere die Fernsehsender unter ihnen – jedoch nicht zu vergleichen. Den Produzenten der Fernsehbeiträge bescheinigen die Autoren ein „außerordentliches Maß an Engagement und Kreativität“, geben jedoch zu bedenken, dass den „z. T. eigenwilligen Darstellungsformen“ sinnvollerweise mit einem angepassten, qualitativen Untersuchungsinstrumentarium weiter untersucht werden sollten.

 

Thüringer Landesmedienanstalt (Hrsg.): Formenreichtum als Erfolgsprinzip, Organisation, Nutzer und Beiträge in den Offenen Kanälen in Thüringen, Verlag kopaed, München 2004.

Author: Hans-Uwe Daumann
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