Ausbildung im OK: Professionell und praxisnah

Das Studio des Offenen Kanals Paderborn steht in einem Gewerbegebiet am Stadtrand. Im gleichen Haus haben sich der Industriefilmer „Westfalia TV“  und die  Multimedia-Produktion „Screen It“ eingemietet. Alle drei bilden im Verbund Mediengestalter Bild und Ton aus. Auch das Aufnahmestudio und verschiedene technische Einheiten im Gebäude werden gemeinsam genutzt. Die Mitarbeiter der beiden Produktionsfirmen und des OK-Trägervereins verstehen sich prächtig.
Der ungewöhnliche Dreierbund war Grund für Peter Schwarz von der Landesanstalt für Medien NRW, die Fachtagung „Ausbildungsverbund Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen“ in die Stadt an der Paderquelle zu verlegen. Mehr als 30 Bürgermedienvertreter kamen am 10. März 2005, um Entwicklungsmöglichkeiten für die Ausbildungsaktivitäten der Sender zu diskutieren.


Werner Henning, als Geschäftsführer von Westfalia TV einer der Hausherren, präsentierte seine Firma, die auch Träger der Ausbildungsstellen im Verbund ist. Industriefilme, aktuelle  Berichterstattung aus der Region und Satellitenübertragungen aus Städten in Deutschland und im nahen Ausland fordern den künftigen Mediengestaltern Flexibilität, Mobilität und Einsatzbereitschaft zu ungewöhnlichen Zeiten ab. Henning, der schon knapp 10 Jahre  ausbildet, hat seine ersten Lehrlinge während der Berufsschulblöcke in Köln in einer Firmenwohnung untergebracht. Inzwischen ist Dortmund als weitaus näher gelegener Schulort dazu gekommen.
Fritz Mollemeier von der IHK-Außenstelle Paderborn wies auf die ganz unterschiedlichen Möglichkeiten für Ausbildungsverbünde hin – neben der fachlichen Ergänzungsfunktion, die verschiedene Partnerfirmen bieten, zählen auch finanzielle Vorteile dazu: Der entstehende Mehraufwand in der Verbundausbildung kann ggf. über Landesförderung abgedeckt werden.
Ausbildungsverbünde sorgen in ganz unterschiedlichen Modellen dafür, dass das Ausbildungsangebot vergrößert wird; an einigen Orten werden Verbünde über eigens gegründete Fördervereine gesteuert und organisiert. Sinnhaft sei ein Verbund aber nur, wenn mindestens 50 % der Ausbildung vom Vertragspartner, also dem „eigentlichen“ Ausbildungsbetrieb, gewährleistet werden.

Unter den großen Offenen Kanälen in Nordrhein-Westfalen hat das Marler Bürgerfernsehen „nicht-universitäre Ausbildung“ zum Profil gemacht. Peter Lorant, Sendeleiter in Marl, nannte beeindruckende Zahlen: Seit 1997 haben 43 Azubis –  davon 28 in einer Umschulung der Ruhrkohle AG -, 79 Praktikanten und 150 Schulungsteilnehmer im Kommunikations- und Medienbereich den OK in Marl durchlaufen. 4 Berufsausbildungen finden, meist in unterschiedlichen Verbundkonstruktionen, im Marler Bürgerfernsehen statt: Bürokaufleute des Bildungszentrum des Handels in Recklingshausen erwerben im OK Praxiserfahrungen. Kaufleute für audiovisuelle Medien bereiten sich auf ein Berufsleben als Aufnahmeleiter, Produktionsassistent oder auch schlichtweg als Kaufmann in einem Wirtschaftsunternehmen vor. Informationselektroniker gehen später als Techniker in die TV-, IT- oder Medizintechnikbranche, und, last not least, auch Mediengestalter Bild und Ton werden in dem Marler Bürgersender für eine professionelle Karriere in den Medien trainiert. Von den z. Zt. 6 Azubis werden 3 im Verbund mit der Stadt Marl, einem Zeitungsverlag und einem Technikhändler ausgebildet.
Lorant bezifferte die durchschnittlichen Jahreskosten eines Ausbildungsplatzes auf 8.500,- bis 9.000,- Euro. Das Bürgerfernsehen allein könnte die Lasten vieler Ausbildungsplätze nicht  stemmen; es gehört also erhebliche finanzielle Fantasie dazu, ein so umfangreiches Angebot zu ermöglichen. Beiträge der Verbundpartner, Zuschüsse der LfM, Landeszuschüsse, personenbezogene Förderung und zweckgebundene Spenden sind die Quellen, die die Marler anzapfen.
Peter Lorant  betonte den inhaltlichen Mehrwert einer Ausbildung in den Bürgermedien: Für jeden seiner Ausbildungsgänge nannte er beispielhaft praxisnahe Inhalte, die nur der Betrieb Bürgerfernsehen anbieten kann.

 

Sylvia Cieslik, an der Universität Dortmund in der Ausbildung von Fernsehjournalisten tätig, skizzierte die Besonderheiten des Dortmunder Modells, wo im Rahmen des Ausbildungs- und Erprobungskanals („florian tv“) auch Mediengestalter arbeiten. Seit der Dortmunder TV-Studiengang mit dem Offenen Kanal gemeinsame Räume bezogen hat, werden die derzeit 4 Mediengestalter-Azubis der Universität von dem OK-Mitarbeiter Uli Bader betreut. Kontakte zu Produktionsfirmen sorgen – unterhalb eines „Verbunds“ – dafür, dass inhaltliche Lücken geschlossen werden, die Uni und OK nicht füllen können. Sylvia Cieslik wies auf die  Verantwortung der Ausbildungsbetriebe im Bürgermedienbereich hin, die ihren Zöglingen in der Regel keine Übernahmeangebote machen können.

 

Die abschließende Diskussion moderierte Beate Kneißler vom Offenen Kanal Paderborn. Die
Offenen Kanäle seien als Ausbildungsbetriebe ein „geschützter Raum“, formulierte Uli Bader, die Auszubildenden benötigten aber die Erfahrung der „freien Wildbahn“. Marko Kuhlbusch von tv münster hob dagegen die breite Palette von Praxiserfahrungen hervor, die jetzt schon geboten werde; so könnten die Münsteraner Azubis z. B. beim Tonmeister des dortigen Stadttheaters hospitieren.
„Die Offenen Kanäle haben schon viel zu lang ihr Licht unter den Scheffel gestellt“, betonte Horst Basilowski, Ausbildungsberater von der IHK Dortmund. Für die konzeptionellen Fehler des Ausbildungsberufs Mediengestalter Bild und Ton seien die Ausbildungsbetriebe nicht verantwortlich zu machen, meinte Uli Bader: Mediengestalter „sind ja keine Kameraleute, sind keine Cutter; das müssen sie sich auf dem Markt erst erwerben!“
Horst Basilowski hält den 10 Jahre alten Ausbildungsrahmenplan der Mediengestalter für verbesserungswürdig und regte eine überregionale „Kooperationsbörse Ausbildung Medienberufe“ an. Ein erstes konkretes Angebot brachte Sylvia Cieslik ein. Demnächst sollen in Dortmund gemeinsame Vorbereitungskurse für Zwischen- und Abschlussprüfungen beginnen. Eine weitere überbetriebliche Aktivität, das gemeinsame Ausbildungsmagazin „LaVoro“, geht nach einem Modellversuch im Jahre 2003 in diesem Jahr in Serie und soll regelmäßig in allen nordrhein-westfälischen Offenen Kanälen zu sehen sein.

 

sh. auch: „Bennohaus Münster – Medienausbildung im Verbund“

Author: Hans-Uwe Daumann
E-Mail: redaktion@connex-magazin.de

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