Thüringen: Schiller an die Glocke hängen

„Ach, mal nichts übers Altern!“, erleichtert atmet Christel, die Chefredakteurin des Magazins ALTERnative 50plus auf. Ein Lächeln erhellt ihr Gesicht und begeistert erzählt sie Ute von Gedichten und Balladen, die sie von Schiller noch immer auswendig kann. Sicher, die eine oder andere Lücke tut sich auf, aber der olle Klassiker ist auch so ziemlich spannend. Ein Allroundgenie würde man heute sagen. Da kann es nicht wundern, dass ein Dritter im Bunde nicht weit ist, wo zwei engagiert Wissen über Persönlichkeit und Werk zusammentragen. Rudolf vom IMPETUS-Kulturmagazin
gehört schon bald zum Team, das in den folgenden Wochen Schiller quasi an die Glocke hängen will. Vor allem junge Leute, und unter ihnen die Literaten, haben es ihm angetan. Mit seiner kleinen Lesereihe, in der sich junge Hobbyautoren mit eigenen Texten vorstellen können, hat er Manchem, der bisher nur im stillen Kämmerlein schrieb, Gehör und Publikum verschafft. Dabei ist Rudolf offen für Vieles. Er mag Lyrik und Prosa, und es kann gern auch einmal Mundart sein. Früher war er selbst im Zirkel schreibender Arbeiter. Inzwischen reicht ihm das nicht mehr. Neben der redaktionellen Arbeit für sein Kulturmagazin ist er deshalb Kameramann und Cutter im Offenen Kanal Gera. Er arbeitet gern mit anderen, holt sich Anregungen, hilft wo immer er gebraucht wird und legt großen Wert darauf, eigene Ideen in Projekte einzubringen. Ja, Schiller-Gedichte mal ganz anders betrachten, dazu hätte er Lust. Vieles muss bedacht werden: Texte ausgewählt und in einer Collage neu gezeichnet, Rezitatoren gefunden, Technik gebucht, Drehorte auf Lichtstimmungen und Eignung geprüft sowie Genehmigungen eingeholt werden.
Indes kümmert sich Christel um eine intensive Auseinander-setzung mit den Schauspielen. Wie im „Taucher“ fördert sie Schätze zu Tage, die in den tiefen Schlünden brausender Meere auf Nimmerwiedersehen versunken schienen. Immer wieder taucht sie hinab in die Tiefen der Literaturrecherche, schließlich trägt sie die Sendeverantwortung für den gesamten Thementag. Sie plant eine Straßenumfrage und entwickelt die Idee für einen Dialog über Schiller und die Rezeption seiner Werke, natürlich ganz in heutiger Zeit. Die Schülerinnen Maria Granderath und Maria Kurpat lassen sich von der Begeisterung für Schiller anstecken und engagieren sich über ihr Praktikum hinaus sogar an schulfreien Feiertagen.
Rührig begeben sie sich auf Spurensuche. Bemerkenswert oft treffen sie auf Geraerinnen und Geraer, denen Schiller auf Anhieb etwas sagt. Ganz spontan werden Balladen oder Schauspiele aufgezählt. Allerdings fällt auf, dass die Schul-zeit bei vielen schon lange vergangen ist, aber damit liegt Gera ja ganz im Trend.


Schließlich geht es live auf Sendung. Mit dem „Ja, wir hören sie gut“ fällt alle Spannung. Techniker in Gera und Jena hatten schon Tage zuvor an einer Standleitung zwischen Jena und Gera gebastelt. Das gab es noch nie. Frank begrüßt die Gäste seiner Livesendung im Fernsehstudio vor Ort in Gera und im Studio des Offenen Kanals Jena. Noch wenige Stunden zuvor hatte es so ausgesehen, dass die Sendung nicht wie geplant stattfinden würde. Zwei der geladenen Gesprächsgäste waren erkrankt. Mit dem Willen zur Tat, ganz im schillerschen Sinne, brachte das vierte Telefonat den ersehnten Erfolg. Frau Dr. Ejury vom Zabel-Gymnasium sagte spontan ihre Mitwirkung in der Talkrunde zu. Sie hatte vor wenigen Wochen für Furore gesorgt, als sie mit Schülerinnen und Schülern der 11. Klasse die „Maria Stuart“ innerhalb einer Woche auf die Bühne brachte. Dass Schiller jungen Leuten heute noch etwas zu sagen hat, bestätigt rappend und als Gesprächsgast Christian Weihrich. Hochkarätig besetzt auch das Schillerexpertenteam in Jena. Christine Theml, Buchautorin und Leiterin des Schillergartenhauses in Jena, sowie Marcel Klett, Dramaturg am Jenaer Theaterhaus, diskutieren unter dem Motto „Schiller aktuell“ über Themen wie „Schiller und die Jugend“, „Schiller und das Theater“ sowie „Schiller und die Frauen“ bevor im Anschluss der „Zug der Geister“, eine Gemeinschaftsproduktion der Landesarbeitsgemeinschaft Bürgermedien in Thüringen, zum Leben erweckt wird. Auf Initiative von Torsten Cott, Leiter des Offenen Kanals Jena, wurde eine Radiosendung im Schillergartenhaus produziert. Anlass und Mittelpunkt bildet der Zug der Geister. Hier treffen die Akteure der Thüringer Bürgermedienszene auf den Geheimrat Goethe, Charlotte von Lengenfeld, Carl Zeiss, Prof. Abbe und natürlich auf den Meister selbst. Schiller, aus alter Denkmalsstarre erwacht, zeigt sich über den großen Zuspruch der Menge gegenüber den Moderatoren vom Offenen Kanal Saalfeld hoch erfreut.
Beglückt, außerordentlich lebendig und lebensfroh zeigen sich auch die beiden OK-Meisterköche bei der Zubereitung württembergischer Gerichte. Ob der Dichter zu Lebzeiten Maultaschen gegessen hat, bleibt indes ungewiss. Der Themenabend wird mit der Aufzeichnung einer ganz besonderen Lesung abgeschlossen. Der Verein Gedenkstätte Amthordurchgang hatte Jürgen Hultenreich eingeladen, aus seinem Buch „Schillergruft“ zu lesen, in welchem der Protagonist und damit auch der Zuschauer des Thementages Schiller als Kraftquell erfährt.

 

(Foto: Torsten Cott erklärt die Regler)

Author: Thüringer Landesmedienanstalt / OK Gera
E-Mail: info@okgera.de

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