Entbehrlich? Netzwerk gegen Rechts bei Radio Lotte

Die aktuelle Statistik rechtsextremer Straftaten weist bundesweit einen Anstieg auf. Allein Thüringen fällt aus dem Rahmen: Hier sind laut Statistik rechtsextrem motivierte Taten auf Null zurückgegangen.
Weimar, eine Kleinstadt in Thüringen. Millionen Besucher durchwandern jährlich die Altstadt auf der Suche nach Goethes und Schillers Spuren. Mit der Bauhaus-Universität besitzt Weimar eine Hochschule von wissenschaftlicher und künstlerischer Strahlkraft. Das nichtkommerzielle Radio „Lotte in Weimar“ bezieht sich auf die Weimarer Klassiker und stützt sich auf die Studierenden von heute. Unterm Dach eines Altstadthauses am Herderplatz sind die Studios von Radio Lotte, im Erdgeschoss sitzt die „Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus“, die der Trägerverein des Radios mit Hilfe von Bundesgeldern Mitte 2002 einrichten konnte. Die Zeit der Netzwerkstelle geht zu Ende. Die konservative Mehrheit im Weimarer Stadtrat hält das Büro für „entbehrlich“. Im Bundestagswahlkampf 2005 sind Aufmärsche rechter Jugendlicher deutschlandweit an der Tagesordnung. „Kein Problem“, meint offensichtlich eine Mehrheit einflussreicher Menschen ausgerechnet in Thüringen.

Fritz Burschel heißt der – ursprünglich aus Bayern stammende – Journalist, der vor knapp drei Jahren in Weimar hauptamtlicher Netzwerker gegen Rechtsextremismus wurde. Information ist der Kern seiner Arbeit. Dazu nutzt er die Möglichkeiten des nichtkommerziellen Lokalradios und des Internets – Zitat: „Überall im Land (Thüringen) sind verstärkte Aktivitäten der NPD und der rechtsextremen Szene festzustellen: Sie versuchen, die Proteste gegen Hartz IV zu instrumentalisieren wie in Suhl und Altenburg. Die NPD reorganisiert ihre Kreisverbände. Sie veranstalten „alternative Stadtrundgänge“ zu den Stätten des NS-Staats wie in Weimar. Und sie erwerben wie in Fretterode, Pößneck und Jena Immobilien, die als Stützpunkte des rechtsextremen Netzwerks dienen. Von dort aus organisieren sie eine „völkische Bildungsarbeit“ gegen die Demokratie.“ Burschel organisiert Kampagnen – wie aktuell zu Gunsten der staatenlosen Familie Codreanu – und Öffentlichkeitsaktionen wie „Weimar sagt Nein“ und unterstützt Anliegen wie das des „Offenen Weimarer Komitees“, das von der Deutschen Bahn fordert, im Hauptbahnhof Weimar eine Ausstellung über Kinderdeportationen im Dritten Reich zu zeigen.
Die Netzwerkstelle ist ein über das „Civitas-Programm“ der Bundesregierung auf 3 Jahre befristetes Modellprojekt und soll „Aktivitäten gegen Rechtsextremismus und Rassismus in der Stadt, im Landkreis und darüber hinaus verknüpfen, fördern und anschieben sowie für die Zirkulation wichtiger Nachrichten, Informationen und Diskussionsbeiträge sorgen. Außerdem soll auch die Zuordnung der Netzwerkstelle zum nichtkommerziellen Lokalradio „Lotte in Weimar“ sich auf die Arbeit gegen Rechtsextremismus und Rassismus auswirken und ihren Niederschlag im täglichen Programm des Senders, der ein breites Publikum in Weimar und Umgebung erreicht, finden.“

Den Traum von einem „positiv-zivilgesellschaftlichen Sendeplatz einmal in der Woche auf 106,6 kHz“ beurteilt Burschel zwischenzeitlich skeptischer. „Wir müssen Diskussionen zuspitzen, um voran zu kommen,“ zitiert ihn Gundula Lasch in einem Artikel für „M – Menschen Machen Medien“, und sie berichtet: „Spätestens, seitdem Burschel die brutalen Polizeieinsätze am Rande eines Nazi-Aufmarsches in Weimar kritisiert und Ordnungskräften wie -politikern ein tendenziell antidemokratisches Verhalten diagnostiziert hatte, herrscht seitens der Stadt eisige Ablehnung.“ Fritz Burschel selbst differenziert: Der parteilose Oberbürgermeister und die Oppositionsfraktionen von SPD, PDS und Grünen streiten weiterhin für die Arbeit der Netzwerkstelle.

Die 3 Jahre Laufzeit des Modellprojekts Netzwerkstelle gehen 2005 zu Ende; Fritz Burschel selbst rechnet maximal mit einem Jahr Verlängerung. Kein Mensch kann ernsthaft behaupten, dass Rechtsextremismus und Rassismus auf dem Rückzug seien; in Weimar nicht, in Thüringen nicht, in ganz Deutschland nicht. Das Engagement Fritz Burschels und seiner Netzwerkstelle würde also weiter gebraucht, und es wäre, unter einem Dach mit dem lokalen Bürgermedium Radio Lotte, in Weimar auch weiterhin am richtigen Platz.

Author: Hans-Uwe Daumann
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