Die Generation P erobert die Studios

Sven Spaniol (25) ist Student der Internationalen Betriebswirtschaft im höheren Semester. Am 1. September 2005 hat er Prof. Maria Böhmer interviewt, Stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, wenige Tage später Wolfram Sondermann von der Linkspartei, Walter Altvater von den Grünen, Ralf Marohn von der FDP und Doris Barnett von der SPD; alle 5 traten im Wahlkreis Ludwigshafen/Frankenthal als Direktkandidaten zur Bundestagswahl an.  Durch akribisches Studium der Parteiprogramme hat er seinen Fragenkatalog erarbeitet, der naturgemäß einen wirtschaftlichen Schwerpunkt aufwies. Für Sven Spaniol waren das die ersten Auftritte vor Fernsehkameras. Um sein Praktikum im Offenen Kanal Ludwigshafen absolvieren zu können, musste er bei seinem betreuenden Professor Überzeugungsarbeit leisten.
Sabrina Neumann ist 17 und bereitet sich auf die Fachhochschulreife vor. Jessica Bauder ist 16, hat Realschulabschluss und möchte sich später als Mediengestalterin bewerben. Jennifer Brög wurde gerade 18 und strebt die gleiche Ausbildung an. Corinna Glogger ist Medienpädagogik-Studentin. Wie die anderen Vier ist sie für mehrere Monate Praktikantin im Offenen Kanal. Ihre Kollegen im Offenen Kanal Ludwigshafen sind u. A. drei Auszubildende und vier Ein-Euro-Leute.
Praktikanten gab es im Bürgerfernsehsender schon immer. Schon vor knapp 20 Jahren nutzten ihn Schulabsolventen als Trittbrett zur Medienausbildung. Mal war einer, mal waren zwei oder drei, über lange Strecken aber gar keine Praktikanten im Haus. Das hat sich seit zwei Jahren grundsätzlich geändert. Praktikanten und Auszubildende  stellen seitdem die Mehrheit der Belegschaft, Hauptamtliche oder gar Planstelleninhaber sind in der Minderheit.

Der Offene Kanal Ludwigshafen spielt damit – in Rheinland-Pfalz und darüber hinaus – keine Sonderrolle. Am 20. September 2005 trafen sich in der Landeszentrale für Medien und Kommunikation 20 junge Menschen zum halbjährlichen Praktikantentag der LMK. Dieser Tag dient traditionell dazu, den Neuen die verschiedenen Arbeitsbereiche der rheinland-pfälzischen Landesmedienanstalt zu präsentieren. Der Austausch über die Arbeit in den verschiedenen Bürgerfernsehsendern nimmt daneben breiteren Raum ein. In Trier sind es Studierende der Medienwissenschaft von der dortigen Universität, die den OK-Alltag prägen, in Mainz Filmwissenschaftler, in Koblenz (vereinzelte)  Sozialpädagogen, in Landau (ebenfalls einzelne) Medienpädagogen. Pädagogik-Studenten  sind häufig auch in der LMK und im benachbarten Bildungszentrum BürgerMedien am Werk und steuerten zum Programm des Praktikantentags auch gleich Präsentationen ihrer Arbeit bei. Nur die Offenen Kanäle in der Südwestpfalz und in Ludwigshafen konzentrieren sich auf berufsorientierende Praktika für Schulabgänger, auch weil es in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft keine Medienstudiengänge gibt.
 
Offene Kanäle produzieren selbst – auch das ein neues Phänomen. Und wie sich beim Praktikantentag herausstellt: Ohne die freiwilligen, meist unbezahlten Helfer sind Lokal- und Regionalmagazine, Sportübertragungen, Konzert- und Festaufzeichnungen, Wahlsendungen  und Anderes kaum denkbar. Die Generation P erobert die Studios: Werbung für freie Plätze ist kaum notwendig, Praktikumsbewerbungen flattern ungefragt ins Haus. In der Regel akzeptieren die Bewerber klaglos unbezahlte Verträge – selbst wenn sie dann nebenher jobben müssen. Zwischen Schule, Ausbildung oder Studium schiebt sich eine neue Lebensphase, die den Absolventen zur Orientierung dient und dazu, sich selbst auszuprobieren und Entscheidungen –  z. B. zwischen Neigung und Eignung – vorzubereiten.

 

Die Definition von „Freiwilligkeit“ – das veraltete Synonym „Ehrenamt“ passt hier noch weniger – muss im Zusammenhang mit der Nutzung Offener Kanäle neu geschrieben werden. Die Generation P verpflichtet sich nicht auf Dauer, sondern befristet, nicht theoretisch fundiert, sondern lebenspraktisch motiviert. Viele der in Offenen Kanälen abgeleisteten Praktika sind nicht mehr verbindlicher Teil einer Ausbildung, sondern freiwillige, unbezahlte Leistung in der Erwartung, Fähigkeiten und Talente entwickeln und unter Beweis stellen zu können. Das Engagement der Bürgermedien-Praktikanten ist dafür umso verbindlicher: Sie sind nicht Nutzer, sondern Produzenten; Akteure innerhalb der Organisation. Manchmal nur für wenige Wochen, in manchen Fällen ein ganzes Jahr, meist aber mit ganzer Kraft und einem Enthusiasmus, der über das Erwartbare  hinaus geht.

 

Foto: Praktikantentag in der LMK 

Author: Hans-Uwe Daumann
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