Kein Unterschied? Bürgermedien im Osten

Man scheut sich, nach 16 Jahren noch das Wort „neue Bundesländer“ in den Mund zu nehmen. Unmittelbar nach der Wende gründeten sich im Osten erste Radioinitiativen. Seit 9 Jahren existieren zwischen Rostock und Gera Offene Kanäle. Inzwischen sind, das zeigte ein Podium zur Entwicklung der Bürgermedien im Osten beim 12. Jahrestreffen Offener Kanäle, auch die Bürgersender in den 6 östlichen Ländern in der bundesdeutschen Normalität angekommen. Wen wundert es: Auch hier erschallt, mit leichter Verspätung, der Ruf nach Evaluation der nichtkommerziellen Medieneinrichtungen.

 

2006 wird der Offene Kanal Gera, der „Veteran“ der ostdeutschen OK-Szene, 10 Jahre alt. Seitdem sind in Thüringen insgesamt 6 Offene Kanäle – davon 2 in der Trägerschaft der Landesmedienanstalt TLM – 2 nichtkommerzielle Lokalradios und zwei Campusradios entstanden. Das Thüringer Mischmodell zumindest ist unumstritten, so Leo Hansen, TLM-Bürgermedienbeauftragter. Erneuerungsbedarf sieht er jedoch auch in seinem Land; drei konkrete Richtungen, in die die Diskussion derzeit gehe, stellte er in Berlin vor:

–         In einem neuen Förderkonzept der TLM könnte ein Sockelbetrag durch einen Bonus ergänzt werden, für den die  TLM auf jeden Euro durch den Sender eingeworbener Drittmittel einen Euro drauflegt.

–         Die in den Sendern ansässigen Medienkompetenzprojekte sollen einen klaren Nutzen für die Programmqualität erbringen,

–         ganz allgemein solle die Akzeptanz (der Zuschauer resp. Zuhörer) gegenüber der Partizipation (der Nutzer/Produzenten) in den Vordergrund rücken.

Bis zur nächsten Gesetzesnovelle sei es in Thüringen zwar noch Zeit, aber die TLM wolle sich bei Zeiten zukunftssicher aufstellen. Dabei seien auch Umstrukturierungen –  etwa bei den Kinderprojekten „Rabatz“ und „Pixel-TV“ nicht zu vermeiden.

Leo Hansen, der als ehemaliger Leiter des Offenen Kanals Hamburg nach dessen Schließung aus der Hansestadt nach Erfurt ging, sieht den politischen Diskussionsprozess um die Offenen Kanäle bundesweit weiter am Kochen: In Nordrhein-Westfalen sei die fehlende politische Akzeptanz nach dem Regierungswechsel sichtbar geworden, und in den Nordstaaten Hamburg und Schleswig-Holstein, wo sich ein Zusammengehen der Landesmedienanstalten abzeichne, sei die Zukunft der 4 schleswig-holsteinischen OKs derzeit ungewiss.

 

„Selbstgeißeln bringt nichts“, sagt Matthias Buß, Geschäftsführer von Radio Lotte in Weimar.

Mit anderthalb Festangestellten, 9 bezahlten Kräften insgesamt und 120 freiwilligen Programmmachern wolle man ein „mediales Spiegelbild der Stadt“ produzieren, und das auf journalistisch und künstlerisch hohem Niveau. Buß schlägt sich eher mit Alltagsproblemen finanzieller Art herum und nutzt den „Radio Lotte Club“, um die Unterstützung der Weimarer Radiofans zu organisieren. Die Grenzen zwischen Offenen Radiokanälen und freien Radios in Thüringen ist durchlässig, so Torsten Cott: „Die Welten durchdringen sich“, meint der OK-Leiter aus Jena; Nutzer der Offenen Kanäle in Jena oder Erfurt machen auch bei Radio Lotte Sendungen und umgekehrt.

 

In Mecklenburg-Vorpommern hat der Gesetzgeber der Landesrundfunkzentrale auferlegt, nur einen Offenen Kanal zu gründen, so Bettina Pinske. Sie leitet „ROK-TV“ in Rostock; ein Radio-OK existiert in Neubrandenburg. Die beiden Sender erweitern ihren Aktionsradius durch die Gründung von Außenstellen (z. B. in Schwerin), durch mannigfaltige Kooperationen und durch medienpädagogische Aktionen wie den „Medientrecker“, der sommers in etlichen Kleinstädten im nordöstlichen Flächenland Station macht.

 

„Marktführer“ bezüglich Bürgermedien ist Sachsen-Anhalt, so Ricardo Feigel von der Medienanstalt Sachsen-Anhalt MSA. Das Land, das einem gängigen Witz zu Folge die rote Laterne im Wappen führen könnte, hat in kurzer Zeit 8 Offene Kanäle und 2 freie Radios auf die Beine gestellt. Es ist laut Feigel durchaus zu spüren, dass die ebenfalls in großer Zahl vorhandenen kommerziellen Lokalkanäle sich von der nichtkommerziellen Konkurrenz bedroht fühlen. Bettina Pinske ergänzt: Laut einer aktuellen Untersuchung genießt der Offene Kanal in Rostock mit 50,1 % einen deutlich höheren Bekanntheitsgrad als der örtliche Privatsender. Andererseits ergeben sich überraschende Koalitionen: Die Hallenser Ausgabe der Bildzeitung hat das ortsansässige Radio Corax erst kürzlich wieder ausgiebig als „Kultradio“ gewürdigt. Das freie Radio findet sich wiederum auch in einer Fußnote des Verfassungsschutzberichts: „Wird auch von linksradikalen Kräften genutzt.“ In diesem Fall zumindest ist der Osten einzig.

 

Auch in Sachsen ist die Bürgermedienlandschaft bunt, erläutert Dr. Mathias Günther von der sächsischen Landesmedienanstalt SLM. Neben den „Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanälen“ (SAEK) existieren Freie und Hochschul-Radios. Mit großen Aufwand betrieb die SLM den Aufbau einer medienpädagogischen Infrastruktur in Form der SAEKs, die vor Ort von Vereinen, Kulturzentren, Bildungsträgern oder auch einer Firma betrieben werden und teilweise allein der schulischen Medienarbeit gewidmet sind; gesendet wird ausschließlich im Kabel. Annegret Richter vom Leipziger „Radio Blau“ konnte dementsprechend berichten, wie sich ein Freies Radio fast ganz ohne Subventionen aus Rundfunkgebühren über Wasser hält. Radio Blau hat sich nicht nur eine erweiterte Sendezeit, sondern auch drei Stadtfrequenzen in Leipzig erkämpfen müssen.

 

Bleibt Berlin als sechstes Ost-Bundesland. Von einem neuerlichen Ansatz, eine nichtkommerzielle UKW-Frequenz für Berlin und Brandenburg zu erstreiten, berichtet Elisabeth Enke vom „Projekt Archiv e. V.“. 100 Musiker haben gerade einen Plattenbau, das „ORWO-Haus“, in Berlin-Marzahn gekauft, sanieren ihn und richten dort Studios und Proberäume ein. Die alternative Musikszene stellt sich nicht ungeschickt dabei an, den politischen Boden für eine Änderung des Medienstaatsvertrags der beiden Länder zu bereiten. Partner finden sie z. B. bei der Initiative „Freies Radio Potsdam“.

 

Bleibt das Fazit: Die Bürgermedienszene im Osten ist bunt und lebendig und hat um politischen Rückhalt zu kämpfen. Anders als im Westen? Ricardo Feigel machte den Versuch, Unterschiede zu benennen: Das Recht auf freie Meinungsäußerung spiele in der Ex-DDR noch eine größere Rolle. Die Tatsache, dass jeder bei den Sendern mitmachen könne, habe eine große Bedeutung. Und Bettina Pinske begründete den Bedarf an Medienpädagogik auch damit, den Menschen Artikulationsmöglichkeiten zu eröffnen. Auch das kam den Wessis im Raum bekannt vor. Aber vielleicht sind Ost-West-Unterschiede 16 Jahre nach der Wende ohnehin nur noch in Nuancen zu erwarten.

 

Foto: Michael Buß (Radio Lotte), Bettina Wiengarn (OK Magdeburg) und (dazu „Bild vergrößern“) Leo Hansen (TLM)

Author: Hans-Uwe Daumann
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