4. Bürgermedienkongress: Heimat Bürgermedien?

Den Anfang machte Christian Schurig: Der Direktor der Medienanstalt Sachsen-Anhalt ist der Bürgermediensprecher unter den 15 Direktoren und Präsidenten. Dieses Amt gibt er zum Jahresende auf. Anwalt Offener Kanäle war er schon vor über zwanzig Jahren in der baden-württembergischen Staatskanzlei und als Mitglied der Expertenkommission Offener Kanal. Schurig kündete an, als Pensionär selbst auch in einem Bürgersender produzieren zu wollen. Zwei Heimatverheißungen in einer: Der Rückkehr ins Heimat-Bundesland könnte die Einkehr in der „Heimat Bürgermedien“ folgen.

 

„Heimat Bürgermedien“ war der Titel des vierten Bürgermedienkongresses der Landesmedienanstalten, der am 27. September 2005 im Harenberg-Haus in Dortmund stattfand. Der Offene Kanal Dortmund, der zweitälteste der deutschen OKs, feiert in diesem Jahr 20-jähriges Bestehen. Aus dem Offenen Kanal Dortmund waren auch nicht wenige der geladenen Gäste des Kongresses gekommen, und sie verdeutlichten ohne Mühe die Bandbreite dessen, was unter dem Veranstaltungstitel zu verstehen ist.
Silvia Cieslik, studierte Journalistin und Journalisten-Ausbilderin, steht für die weitreichende Kooperation des Offenen Kanals und der Universität Dortmund, die 2003 Anlass der Namensänderung zu „florian tv“ war. Reinhold Giese, langjähriger Vorsitzender des OK Dortmund e. V. und SPD-Stadtrat, konnte davon erzählen, wie die Vereinsaktiven in den Anfangsjahren Körperkraft einsetzten, um ihrem Sender ein Zuhause zu schaffen. Ernst Schreckenberg, bei der Volkshochschule Dortmund für die Medienwerkstatt verantwortlich, brachte sein Engagement für den Offenen Kanal auf den Begriff: „Wir machen kein Lokalfernsehen, wir machen Heimatfernsehen“. Frank Ley, Maschinenbauprofessor und reger Nutzer des Offenen Kanals, sieht seine Freiwilligenarbeit als „Kirchenfilmer“ der Dortmunder Baptistengemeinde als Ausdruck von Freiheit und Mündigkeit. Die Iranerin Djamileh Bahrami legte dar, welch hohe Bedeutung der Offene Kanal für eine Migrantengemeinde haben kann und plädierte engagiert dafür, muttersprachliche Sendungen nicht zu erschweren. Last, but not least: Uwe Kisker, der seit 20 Jahren für den Lokalsport im Dortmunder Bürgersender steht, erzählte, wie er sich vom C-Klasse-Fußballer zum Sportmoderator und vom Schlosserjob bei Orenstein+Köppel zum Industriefilmer im weltweiten Verbund des Terex-Konzerns (zu dem Orenstein+Köppel heute gehört) entwickelte.

 

Prof. C. Wolfgang Müller und Dr. Sabine Gieschler sind für das Buch verantwortlich, das den Kongressbesuchern als Pflichtlektüre verordnet werden könnte: Für das Buchprojekt „Seitenwechsel“ haben sie 32 Menschen aus den 4 Offenen Kanälen Hessens interviewt und damit ausführlich porträtiert. Ein „merkwürdiges Glitzern“ bekamen die 32 in die Augen, wenn sie von ihrer Bürgermedientätigkeit erzählten. Laut Sabine Gieschler Zeichen des „Stolzes darüber, etwas zu machen, was ihnen nicht in die Wiege gelegt wurde“.
Langjährige Bürgermediennutzer nennen mindestens 3 Motive: Selbstbestimmt tätig sein zu können, vorzeigbare Produkte zu Stande zu bringen und Teil eines neuen Netzwerkes zu werden, das sie mit spannenden Leuten zusammen bringt. Glücksgefühle machte Wolfgang Müller bei den Befragten aus: „Es gibt zwei Formen von Heimat: Das Zuhause, in das man reingeboren wurde, und das, das man sich aneignen kann. Und das ist eine wunderschöne Erfahrung.“

 

„Heimat steht grundsätzlich unter Senilitätsverdacht“ zitierte Cornelia Nath, die Leiterin des Plattdütskbüros der Ostfriesischen Landschaft, in ihrem Referat zur „Heimatkultur in Bürgermedien“ Hermann Bausinger. Heimat könne als „Natur- und Kulturschutzgebiet“ verstanden werden und im negativen Sinne für „Kirchturmdenken und Ausgrenzung“ stehen. Ein zeitgemäß verstandener Heimatbegriff stehe mit dem der Globalisierung in Verbindung: Globalisierung baut auf einer Binnendifferenzierung auf. Heimat sei dann eine regional nicht unbedingt festlegbare Zusammengehörigkeit, die den Menschen zu höherer psychischer Stabilität und Sicherheit verhelfen könne. Heimat sei so ein unverzichtbares Feld emotionaler Verankerung. Der Bedarf daran kann von Bürgermedien besser als von anderen gedeckt werden.
Als Mitglied in der Redaktionsgruppe „Radio up Platt“ kooperiert Frau Nath mit Radio Ostfriesland: Plattdeutsch und die Minderheitensprache Friesisch haben eine feste Heimat bei dem regionalen Bürgersender. Zweisprachige Sendungen, auch ungewöhnlich wortlastige Sendungen, stoßen auf hohe Resonanz. Der Bürgermedienarbeit müsse ein dynamischer, handlungsorientierter Heimatbegriff zu Grunde liegen, forderte Cornelia Nath. Dann könnten Bürgermedien mehr als ein reiner Ort der  Selbstvergewisserung lokaler und regionaler Identität sein.

 

Uwe Kammann, der neue Leiter des Adolf-Grimme-Instituts, hatte in seinem Eröffnungsstatement Robert Musil zitiert: Der „Mensch sei im Grundverhältnis zu sich selbst Erzähler.“ Bürgermedien seien Menschenmedien und könnten so ein Stück Identität und Heimat sein. Am Ende schloss sich der Kreis, als Artur Fischer von der „Gefahr des Rückzugs der verfassten Medien aus dem Lokalen“ sprach. Die Nachfrage nach der „Heimat Bürgermedien“ wird nicht kleiner werden.

 

 

Dokumentation: Uwe Kammanns Vortrag „Über den Sinn und Unsinn der Bürgermedien“ findet sich vollständig auf der conneX-Seite http://www.connex-magazin.de/index.asp?o=1&m=7&um=41&id=1074.

Author: Hans-Uwe Daumann
E-Mail: redaktion@connex-magazin.de

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