Gewichtig: Die „A&F Handreichungen“

Nicht nur der Titel „A&F Handreichungen“ ist sperrig, auch das Buch als solches ist dicker und  schwerer als  die meisten Telefonbücher. Mehr als ein Dutzend  Autorinnen und Autoren haben mitgearbeitet, zwei Jahre hat die  Produktion gedauert. Nun liegen sie  vor, die „Materialien zur  radiojournalistischen  Aus- und Fortbildung in  nichtkommerziellen Radios“ (soweit „A&F“) des Bildungszentrums BürgerMedien e.V.; das „Praxishandbuch für Lehrende und Lernende“ ist Ende  2005 im kopaed-Verlag erschienen.

 

Nichtkommerzielle  Radios  gehorchen eigenen Gesetzen. Aus- und  Fortbildung der meist ehrenamtlich agierenden RadiomacherInnen ist in den seltensten Fällen die Sache pädagogischer Spezialisten, oft sind die KollegInnen die Lehrenden, noch öfter müssen sich die Lernenden ihr Feld selbst erobern. Bücher können organisierte Bildung nie ersetzen. Die „A&F Handreichungen“ geben auch all denjenigen Hilfestellung, die sich für die  Optimierung der Bildungsprozesse in den Bürgersendern aktiv einsetzen. Sie sind kein Lehrbuch, sondern versuchen „eine Lücke zu schließen zwischen Einzelkonzepten und  Seminarkonzepten rund ums  Radiomachen einerseits und allgemeinen radiojournalistischen Einführungen andererseits,“ so Katja Friedrich, die Herausgeberin.


Die Kapitel A bis D richten sich  in erster Linie an die Lehrenden. In Kapitel A werden Strukturvorschläge für die  Bildungsarbeit im Sender präsentiert. Kapitel B ist den „medienpädagogischen Projekten“ gewidmet, also Bildungsanstrengungen, die meist geschlossenen Zielgruppen gelten und mit  externern Partnern verabredet sind. Praktische Hinweise zum Umgang mit Lerngruppen gibt Kapitel C – wie kommt der Ausbilder /  die Ausbilderin mit den unterschiedlichen Voraussetzungen klar, die die Lernenden mitbringen. „Seminargestaltung“ heißt schließlich Kapitel D.
8 Bausteine zu Themen wie „Hören“, „Stimme und Sprechen“, „Musik“, „Gestaltung und  Komposition“, „Sendungen fahren“ schließen sich  an; ein ausführlicher Anhang und eine CD mit Hörbeispielen zu Kapitel L („Arbeiten in und an der Zeit“) komplettieren das Werk.


Wie erobert man sich ein mehr als 500-seitiges eng bedrucktes Lehr-, nein Materialienbuch? Ich habe mich, als  Radiolaie, in das Kapitel E –  „Sendungen fahren“ – versenkt. Auch der dortige Einführungstext „Ich will auf Sendung“ umfasst schon knapp 30  Seiten. Also  blättere ich drüber, betrachte die Zeichnungen, streife einen Exkurs (ein Kästchen zum Thema „Mindmap“) und bleibe bei  der Zwischenüberschrift mit  den „Typischen Arbeitsschritten“ hängen:  „Erste Entscheidung: Was für eine Sendung möchte ich  machen?“ – „Material sammeln“ – „Material bearbeiten“, so  geht es also gar nicht so radiospezifisch voran, und eingestreut finde ich kleine Tipps wie „Es empfiehlt sich, jeden Tonträger mit Klebeetiketten zu versehen“, oh ja, auch das kann ich als Fernsehmensch unmittelbar nachvollziehen, und am Ende „Fragestellungen für die Aus- und Fortbildung und didaktische <Antworten>“. „Wie kann ich Leuten helfen zu erkennen, was sie eigentlich genau  wollen? … indem ich mit  ihnen über ihre Motivationen, Ansprüche, Träume spreche und versuche, gemeinsam daraus ein Sendekonzept zu basteln“.  Ich überblättere die Literaturliste des Kapitels und gelange zu den „Aktivitäten“, kleinen und größeren methodischen Einheiten zum Thema. Die Motivationen der Radiointeressierten könnten z. B. in Form eines „rotierenden Partnergesprächs“ eruiert werden; die Recherche mit der Übung des „Forschungsauftrags“ erlernt usw..


Kapitel H wie Hören: Diesmal ist der Lesetext kurz, der Übungsteil um  so  länger und inspirierender: „Blinde Kuh“, „Hörmemory“, „Geräuscheraten“, „Balzen“ heißen beispielsweise Übungen. Warum reden Fernsehleute vergleichsweise so wenig und so unkreativ übers Sehen (und übers Hören selbstverständlich)?
Die Übungen zum Kapitel I „Stimme und Sprechen“ sind sowieso auch für Radioabstinenzler interessant, nicht minder das, was ein Kapitel  später zum Thema  „Musik“ zu lesen ist. Die kürzestmögliche Einführung zu einem komplexen Thema liefert Kapitel L „Arbeiten in und an der Zeit“ (das Kapitel mit  den Hörbeispielen auf CD).  Auch die Kurzeinführung zum Thema Zeitwahrnehmung verhilft zum Aha-Effekt und reizt den Leser, einmal an Gruppenübungen wie dem „Tonpuzzle“  und den „Drei-Minuten-Eiern“ teilzunehmen.


Selbstorganisiertes Radiomachen sei eine komplexe  Sache, schrieben die beiden Redakteure der Handreichungen, Udo Israel und Andreas Reimann, in ihrer Einleitung. Dem reichlich komplexen Innenleben der „A&F Handreichungen“ in wenigen Zeilen gerecht zu werden, ist  ein aussichtsloses Unterfangen. Daher hier nur noch eine Kurzempfehlung: Immer wieder reingucken!

 

Author: Hans-Uwe Daumann
E-Mail: redaktion@connex-magazin.de

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