Medienprojekt Wuppertal: „Pädagogik der Artikulation“

Hier ist alles wie in einem Offenen Kanal: Viele junge Menschen kommen, um eigene Filmideen zu entwickeln und umzusetzen. Sie erhalten nicht nur Kameras und können Schnittcomputer nutzen, sie werden bei ihren Filmprojekten beraten und unterstützt.
Hier ist alles anders als in Offenen Kanälen: Mehrere hundert Kurzfilme und dokumentarische Beiträge werden jedes Jahr in Kinos zur Aufführung gebracht und per DVDs verbreitet. Bis zu 5000 Zuschauer erreichen die Produktionen auf diesem Weg.


Das Medienprojekt Wuppertal arbeitet mit Jugendlichen zwischen 14 Jahren und Ende 20. Die Medienpädagogen geben Themen vor, die sie selbst spannend finden. Es entstehen aus einem lokalen Kontext heraus teils ambitionierte Arbeiten, die bundesweit im Bildungsbereich rezipiert werden. Im Mittelpunkt steht aber das Erlebnis der regelmäßigen Filmabende in Wuppertaler Kinos. Mit seiner Publikationspraxis hat das Medienprojekt Wuppertal bundesweit eine Alleinstellung, und auf den Erfolg ist der Leiter und Initiator Andreas von Hören zu Recht stolz. Nicht wenige der Wuppertaler Filme finden ihren Weg ins „große“ Fernsehen. Dass es in Wuppertal keinen Offenen Kanal gibt, kann von Hören locker verschmerzen.


Trotzdem hat der Bundesverband Offene Kanäle den Medienpädagogen zum 13. Jahrestreffen am 9. September 2006 in Berlin eingeladen. Einige Anwesende mögen durchaus Schmerzen verspürt haben, als von Hören eindringlich die Vorzüge der Kinoauswertung hervorhob. Auch könnten sich Neidgefühle eingestellt haben, als der Leiter des Medienprojekts einige Aktionen genauer beschrieb. Mit dem Bild des Islam in den deutschen Medien beschäftigt sich eine Reihe neuerer Filme, die von jungen Wuppertaler Muslimen produziert worden. Eine Gruppe sammelte in einer Straßenumfrage jeweils „3 spontane Begriffe zum Islam“. Das nachvollziehbare, dennoch absurde Ergebnis war eine Häufung von Begriffen aus den Wortfeldern „Terror“, „Bombe“, „Krieg“. Die Filmreihe „Junge Moslems“ gehört zu den erfolgreichen Initiativen des Medienprojekts, das neben spaßigen immer wieder schwierige, konflikthaltige Themen in den Mittelpunkt rückt. Liebe, Sexualität, Gewalt, Antidiskriminierung gehören dazu; in den Videos spiegeln sich immer wieder politische Grundfragen. Aus der interkulturellen Arbeit erwuchsen internationale Projekte. Im Frühjahr 2003 beschlossen die Mitarbeiter des Medienprojekts, den drohenden Irakkrieg zu thematisieren – aus Wuppertaler/deutscher Sicht, aber auch aus amerikanischer und irakischer Perspektive. Wuppertaler Austauschschüler in den USA wurden „gecastet“ und per Mail angeleitet, um amerikanische Schüler zu interviewen. Ein Medienpädagoge des Projekts flog mit einer  „Friedensdelegation“ vor Kriegsausbruch in den Irak. Wuppertaler Irakflüchtlinge wurden über den 1. Golfkrieg befragt. Im August 2003, kurz nach dem offiziellen Ende der Kämpfe, war der Medienpädagoge mit drei 20-jährigen Schülerinnen wiederum 2 Wochen in Bagdad. Das Irak-Projekt produzierte nicht nur ein Echo weit über Wuppertal hinaus; eine der Filmaufführungen kurz vor dem Krieg löste gar eine spontane Antikriegs-Demonstration aus. „Unschlagbar“ findet Andreas von Hören diese und andere Effekte des Kinoerlebens.


„Pädagogik der Artikulation“ nennt er die Methode seines Teams. Die teilnehmenden Jugendlichen lernen, Inhalte zu formulieren und filmisch zu gestalten. Die Teilnehmer kommen freiwillig; Tausende haben im Rahmen des Wuppertaler Medienprojekts bereits einen Film gedreht. Nur etwa ein Drittel der Teilnehmer sind „Wiederholungstäter“, nur etwa ein Prozent, schätzt von Hören, nimmt später eine Medienausbildung auf. An dieser Stelle konnten die in Berlin versammelten Vertreter(innen) Offener Kanäle wieder mithalten. Die Nutzerstatistik manches Offenen Kanals ähnelt der des Wuppertaler Medienprojekts. Demonstrationsaufrufe gab es in den Bürgersendern wohl auch schon. Ob sie geeignet waren, spontane Reaktionen auszulösen, steht dahin. Inwieweit sich die Arbeitsweise der Wuppertaler kleinmaßstäblich auf OK-Studios übertragen lässt, ist ohnehin die spannendere Frage.

Author: Hans-Uwe Daumann
E-Mail: redaktion@connex-magazin.de

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