Aufbruch nach Digitalien: Jahrestreffen Offener Kanäle

Das Zauberwort fiel erst ganz am Ende und fast unbemerkt. Henrik Pantle, Podcast-Aktivist und Ingenieur an der Technischen Fachhochschule Berlin, empfahl den Offenen Kanälen den „Medienverbund“. Neue Medien wie Podcast zu nutzen, ohne den „alten“ Hörfunk per UKW respektive das „alte“ Bürgerfernsehen im Kabel zu vernachlässigen, könnte die Zauberformel sein, um die technischen, politischen und medienpädagogischen Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern.
„Aufbruch nach Digitalien – Facetten der Digitalisierung im Bürgerrundfunk“ war das 14. Jahrestreffen der Offenen Kanäle am 22. und 23. Juni 2007 in Berlin überschrieben. Es war eine Tagung der guten Ratschläge – sie kamen von den Medienpädagogen Prof. Dr. Franz Josef Röll und Kathrin Demmler, von Walter Berner, dem Technischen Leiter der baden-württembergischen Landesanstalt für Kommunikation (LfK) und von den 3 Landesmediendirektoren Manfred Helmes (Rheinland-Pfalz), Jochen Fasco (Thüringen) und Martin Heine (Sachsen-Anhalt), die mit ihren Ländern etwa zwei Drittel der deutschen Offenen Kanäle repräsentieren. „Der Urgedanke der Bürgermedien ist nicht in Frage gestellt, trotzdem müssen sich die Akteure fragen, ob die Geschäftsgrundlage noch aktuell ist,“ formulierte Manfred Helmes, Direktor der rheinland-pfälzischen Landesmedienanstalt LMK und Bürgermedienbeauftragter der Direktorenkonferenz, in seinem Grußwort. Die Bürgersender müssten hinausgehen zu den Menschen; Ziel müsse ein „abwechslungsreiches und informatives Programm als Alleinstellungsmerkmal“ sein. Jochen Fasco, neuer Direktor der TLM, der Landesmedienanstalt des „Kindermedienlands“ Thüringen, betonte in seinem Redebeitrag den hohen Stellenwert der Bürgermedien bei der Förderung der Medienkompetenz. Wer in Thüringen aus der Schule komme, solle aktive Bekanntschaft mit den Medien Radio und Fernsehen gemacht haben – dafür komme den Bürgermedien große Bedeutung zu. Martin Heine, seit 1. März Direktor der Medienanstalt Sachsen-Anhalt MSA, betonte, dass sich die Offenen Kanäle an ihren Programminhalten, an „King Content“, messen lassen müssten. Neben der Medienkompetenzförderung sieht er die Ausbildungsfunktion Offener Kanäle als substantiell an und befürwortet, dass die Bürgersender eine Brücke nach Europa schlagen. Heine brach eine Lanze für die Vereinsstruktur, die die Bürgermedienlandschaft prägt.


Die verschiedenen Entwicklungsrichtungen des digitalen Hörfunks resp. Fernsehens stellte Walter Berner (LfK) in seinem Referat dar. DAB, DMB, DAB+ und DRM+ heißen teilweise konkurrierende digitale Hörfunkstandards; für die Zukunft des Fernsehens stehen neben digitalem Kabelfernsehen (DVB-C) unter Anderem die Standards DVB-T und DVB-H zur Disposition. Auf absehbare Zeit wird jedoch sowohl der analoge UKW-Empfang als auch das analoge Kabelfernsehen weiter existieren, stellte Berner fest, was viele große Sender zwingt, mehrere Verbreitungswege zu bedienen. Der Digitalisierungsfachmann warnte die Bürgerrundfunksender daher davor, Entwicklungen zu verschlafen. Es gelte, rechtzeitig die Nutzung des Internets zu prüfen, Erfahrungen mit interaktiven Angeboten zu sammeln und über den „digitalen Familienanschluss“ nachzudenken: Unter mehreren hundert TV-Kanälen im digitalen Kabel blieben nur digitale Gruppen oder Plattformen auffindbar.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Vermehrung der technischen Vertriebswege (analoger Rundfunk, digitaler Rundfunk, Internet) auch eine Kostensteigerung im Bereich Technik mit sich bringe. Die Offenen Kanäle müssten mehr leisten, ohne entsprechend Personal und Budget aufstocken zu können, wurde kritisiert. Manfred Helmes und Andere machten wiederum Hoffnung: Lokale Inhalte würden von Kabel- und Internetprovidern mehr und mehr geschätzt; einzelne Beispiele lassen bereits erkennen, dass die Netzbetreiber den Bürgerrundfunkern künftig durchaus interessante Angebote machen könnten.


Bereits am Vortag hatten die Medienpädagogen das Wort: Prof. Röll von der Fachhochschule Darmstadt nutzte es zu einer visionären Reise an die Grenzen der Bildwahrnehmung; sprach vom Ende der Immersion, von post-narrativen Erzählformen, von Dekontextualisierung und der „zerstreuten Rezeption“. Fernsehen werde wie Pizza sein; der Zuschauer beiße dort an, wo ihm der Belag schmecke – das Ziel sei aber, dass er die ganze Pizza aufesse. Die potentiellen Pizzabäcker im Raum ließ das etwas ratlos zurück. „Der Zuschauer als Spieler“ – das entspricht (noch?) nicht der Alltagswahrnehmung der Bürgermedienakteure. Konkreter und fasslicher waren die medienpädagogischen Modelle, die Kathrin Demmler vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis – vorstellte. Innerhalb von wenigen Jahren ist  das Handy nicht nur zum Thema der medienpädagogischen Theorie, sondern auch der praktischen Medienarbeit geworden. Der tragbare Minicomputer mit Telefon, MP3-Player und Kamera eröffnet neue kreative Möglichkeiten. Wollen die Offenen Kanäle diese nutzen, müssen sie sich endgültig davon verabschieden, sich auf die traditionellen Geräte und Techniken, auf Videokamera, Mikrofon, UKW und Kabel-TV allein zu verlassen. Der „Bürger-Medienverbund“ mag für manchen überlasteten OK-Mitarbeiter mehr Drohung als Verheißung sein. Die Bürgermedien stehen aber nicht ganz ohne „Medien-Verbündete“ da, die sie bei der Reise nach „Digitalien“ begleiten werden – auch das ein Fazit des 14. Jahrestreffens Offener Kanäle. 

 

Foto: Jochen Fasco, seit 1. Juni 2007 neuer Direktor der thüringer Landesmedienanstalt TLM

Author: Hans-Uwe Daumann
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