Skype, Sekt und Second Life

Die Partnerschaft mit dem Verein „Open Channels for Europe!“ und die Begegnung mit Gästen aus vielen Ländern Europas und den USA verhalfen dem diesjährigen Jahrestreffen Offener Kanäle in Berlin zu einem „zweiten Leben“. Jane Banks ist Medienprofessorin an der Universität von Indiana in Fort Wayne. Mit ihren Studenten dekonstruiert sie das alltäglich gelieferte Bildmaterial der Nachrichten, Werbespots und TV-Serien. Wenn sie zusammen mit ihrer Tochter MTV-Shows ansieht, entsteht regelmäßig Streit: Die Professorin nimmt vielfach kodierte, mit Klischees und Vorurteilen beladene Videoclipszenen wahr, und die Tochter hat das Gefühl, ihre Mutter wolle ihr das Sehen ihres Lieblingskanals madig machen.
Per Sköld ist Lehrer der Humfry Schule in Malmö/Schweden. Mit seinen 12- bis 16-jährigen Schülern dreht er Fernsehsendungen, die im örtlichen Offenen Kanal gezeigt werden. Medienkritik gehört zu den expliziten Lernzielen – zu diesem Zweck treffen sich Schüler  seiner und anderer Schulen, um über die selbst gemachten Clips zu diskutieren. Die schulische Videoarbeit gewinnt erheblich an Ernsthaftigkeit  dadurch, dass ihre Ergebnisse über den Lokalkanal öffentlich werden.
Pawel Topol und Roberto Muffoletto sind Universitätsprofessoren in Poznan/Polen resp. North Carolina/USA. Sie lernten sich kennen, als Topol eine Gastprofessur in Amerika hatte. Seit sechs Jahren führen sie gemeinsame Lehrveranstaltungen im Internet durch. Ihre Studenten erstellen persönliche Websites und diskutieren gemeinsam über die Vor- und Nachteile der Bildungssysteme der beiden Länder. Dabei bedienen sie sich z. B. des Web-Videotelefoniedienstes Skype. Jane Banks, Per Sköld, Pawel Topol und Roberto Muffoletto waren nur einige der Referent/-innen beim 11. Jahrestreffen Offener Kanäle am 12. und 13. September 2008 in Berlin. Im „Europäischen Jahr des Interkulturellen Dialogs“ hatte man sich mit dem Verein „Open Channels for Europe!“ zusammen getan und in die Vertretung der Europäischen Kommission unweit des Brandenburger Tors eingeladen. Die Begegnung der deutschen Bürgerfernsehvertreter/-innen mit Medienpädagog/-innen aus Europa und Übersee erwies sich als Frischzellenkur für das traditionelle Treffen, das nicht nur ein interdisziplinäres und buntes Publikum anlockte. Per Skype stellte Sascha Klinger, der seit Jahren eine deutsch-japanische Sendung im Programm des Offenen Kanals Berlin verantwortet, eine Videoverbindung nach Kyoto her, wo zeitgleich die 6. Konferenz der japanischen Bürgermedien stattfand. Lokale nichtkommerzielle Radios gibt es in Japan seit vielen Jahren – erst die G8-Konferenz im Juli 2008 hat die Radiobewegung zu einer gemeinsamen Aktion motiviert, die auch überregional wahrgenommen wurde. Bürgerfernsehen steckt in Japan noch in den Kinderschuhen; seine Befürworter orientieren sich am Beispiel deutscher Offener Kanäle. Leibhaftig in Berlin vertreten waren die Vertreter/-innen des  norwegischen „Frikanalen“ – der ebenfalls nach deutschem Vorbild konzipierte TV-Kanal geht nach langen Vorbereitungen im Oktober auf Sendung. Ebenfalls leibhaftig bei der Tagung: Thomas Röhlinger von Radijojo, der sein für und mit Kindern gemachtes Radioprogramm immer mehr zum interkulturellen Webportal ausbaut. Radijojo sammelt Kooperationspartner auf allen Kontinenten wie manche Menschen Briefmarken. Die vier „KidsReporter“, die Röhlinger zum Jahrestreffen mitgebracht hatte, überzeugten das erwachsene Publikum spielend davon, dass interkulturelle Modelle von Medienarbeit in der Praxis funktionieren; und dass der Enthusiasmus der erwachsenen und der jungen Akteure sich gegenseitig bedingen und  verstärken. Seit Berlin führt der Bundesverband ein zweites Leben auf einer Insel der virtuellen Plattform „Second Life“. BOK und „Open Channels for Europe!“ haben es geschafft, ihr Thema „Offene Kanäle und interkultureller Dialog“ mit einem randvollen, vielseitigen Programm und in inspirierender Atmosphäre umzusetzen. Viele Gäste in Berlin wünschten sich, dass der Geist dieses Treffens sich in den nächsten Jahren reproduzieren lasse. Die traditionelle Dampferfahrt am Abschlussabend war das gelungene I-Tüpfelchen. Am späteren Abend fand sich auf dem Schiff eine Gruppe um ehemalige und aktuelle Vorstandsmitglieder des Bundesverbands Offene Kanäle zusammen, um Geburtstag zu feiern: Vor wenigen Tagen hatte sich die Verbandsgründung zum 20. Mal gejährt. Angelika Jaenicke, Beauftragte für die Medienprojektzentren Offene Kanäle in Hessen, hielt eine kurze Rede. Anschließend gab es Sekt. Prognosen zur Zukunft der Offenen Kanäle und zu der des Bundesverbands waren keine zu hören. Die Atmosphäre des 2008er Jahrestreffens gab Anlass zu verhaltenem Optimismus.

Author: Hans Uwe Daumann
E-Mail: daumann@medienundbildung.com

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