„Ich erkenn‘ Sie auch mit Hut“

Wenn ich den Offenen Kanal zu meiner Berufstätigkeit zählen würde, könnte ich 2013 auf zwanzig Jahre Berufserfahrung zurückblicken. Aber meine Zeit in den Schnittplätzen, in der Sendeabwicklung und vor allem im Studio des Offenen Kanals in Kassel war zuallererst ein großer Spaß. „Kannst du gut auswendig lernen?“, hat mich gleich am Anfang beim Verein out take film jemand gefragt. Klar konnte ich, ich kam ja aus diversen Laientheatergruppen und war nur zufällig bei einem der Treffen dabei. Auf einmal war ich Moderatorin eines Stadtmagazins. Einmal im Monat.

 

Nur herumzustehen und etwas anzusagen, war mir zu langweilig, also habe ich auch gerne die Beiträge recherchiert und getextet. Einzige Vorgabe: Die Sendung war 45 Minuten lang, und etwa fünf Beiträge sollten darin vorkommen. Wir wollten richtig ernsthaftes Fernsehen machen und selber bestimmen, was uns wichtig oder amüsant erschien. Formatvorgaben von zweieinhalb Minuten Länge, wie ich das heute beim Radio gewöhnt bin, waren noch in weiter Ferne. Wir konnten uns austoben. Fünf Minuten über ein Treffen von UfO-Forschern berichten? Kein Problem. Mit diesen Mammutbeiträgen habe ich mich während des Studiums später auf Praktikumsplätze beworben – und wurde genommen: Beim SWR in Stuttgart und beim HR in Frankfurt, wo ich dann bis 2003 volontierte.


Einmal im Monat eine Sendung zu machen, klingt aus heutiger Sicht locker, aber wir waren ein Team aus Schülern, Studenten und Berufstätigen, die sich das Drehen, Schneiden und Texten nebenbei angeeignet haben. Und das zu einer Zeit, als alles noch analog geschnitten wurde, d.h. mit einem Videorekorder zugespielt und mit dem anderen die Sendefassung aufgenommen. Umso erstaunlicher war es, dass wir als Hobby-Programmmacher teilweise sogar tagesaktuell gedreht haben: Als die „Sendung mit der Maus“ ihr 25-jähriges Jubiläum feierte und am Sendetag mit dem Jubiläumszug direkt vor den Toren des Offenen Kanals im Kasseler Kultur-Bahnhof hielt. Heute schneide ich natürlich digital meine Hörfunkbeiträge – Zuhause oder im Studio. Vor Technik hatte ich durch die Vorprägung beim Offenen Kanal noch nie Angst. Eins aber habe ich schon früh begriffen: Dieser Beruf ist ganz schön öffentlich. Von 1993 bis 1997 bin ich an einer Straßenbahnhaltestelle immer wieder derselben alten Dame begegnet, die offenbar unser Stadtmagazin mochte: „Ich erkenn‘ Sie auch mit Hut.“ Und schließlich irgendwann später: „Ich erkenn‘ Sie auch mit ohne Schminke.“ Darum bin ich heute froh, dass ich bei den Hörfunkwellen des Norddeutschen Rundfunks nur noch die Stimme zu den Berichten aus dem Themenspektrum von Kultur bis Offshore-Windkraft bin.

 

www.mok-kassel.de

Author: Stepahnie Riepe

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