Thüringen vor Ort: Tageszeitungen, Bürgersender und Lokal-TV mehr Relevanz als Internet im lokalen Raum

Veranstaltungsreihe in 8 Städten von Thüringer Landesmedienanstalt und Landeszentrale für politische Bildung endete in Landeshauptstadt mit OB Bausewein

Wie digital ist die Landeshauptstadt? Wo entstehen neben den herkömmlichen Informations- und Kommunikationswegen neue Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürgerinnen und Bürger? Nach Veranstaltungen in vielen Städten Thüringens endete die Veranstaltungsreihe „Kommunikation in der Bürgergesellschaft – Veränderungsprozesse einer digitalen Medienwelt“ von Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) und Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (LZT) in der Landeshauptstadt.

Oberbürgermeister Andreas Bausewein stellte sich im Erfurter Haus Dacheröden den Fragen von Moderator Carsten Rose, Radio F.R.E.I., zu seiner Einschätzung zum Medien- und Nutzungsverhalten in Erfurt und wie er persönlich und die Stadtverwaltung sich hierauf einstellen. Gemeinsam mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern diskutierten neben ihm auch Medienvertreter wie Thomas Bärsch, TA-Lokalredaktion Erfurt; Klaus-Dieter Böhm, Salve.TV; Frank Karmeyer, TLZ-Lokalredaktion sowie puffbohne.de; Netzaktivist Johannes Smettan und Prof. Dr. Jeffrey Wimmer, TU Ilmenau.

Herr Bausewein betonte, dass für Erfurt als Kindermedienstadt eine vielfältige lokale Medienlandschaft von großer Bedeutung ist. Er bezeichnet das Internet und die Anonymität als Fluch und Segen zugleich und relativierte den Erfolg von Bürgerbeteiligung im Netz am Beispiel der sehr geringen Beteiligung am aktuellen Bürgerhaushalt der Stadt Erfurt, der online einseh- und kommentierbar ist. Für die Zukunft müssen die positiven Seiten des Netzes und dessen Chancen mehr gestärkt und von allen Seiten mehr genutzt werden, so der Erfurter Oberbürgermeister. Besondere Bedeutung hat für ihn eine lebendige Bürgermedienlandschaft.

Nach der Begrüßung und Einführung von Franz-Josef Schlichting (LZT) wies  Prof. Dr. Wimmer in seinem Impulsvortrag darauf hin, dass sich durch das Internet nicht die Kontexte, sondern die Rahmenbedingungen verändert haben. Gesellschaft und politische Prozesse sind mit dem Internet nicht komplexer geworden, vielmehr hat sich die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verändert und es gebe – in Anlehnung an Habermas – einen neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Die Bürger als „fünfte Gewalt“ nutzen entweder das Internet oder Bürgermedien für die massenmediale Verbreitung und die Erschließung neuer Öffentlichkeiten.

Thomas Bärsch (TA) machte deutlich, dass für Journalisten die Inhalte im Fokus stehen, die die Bürgerinnen und Bürger interessieren, die recherchiert, sortiert und kontrolliert sind, unabhängig von der Verbreitungstechnik. Für den Lokalredakteur ist das Internet eher als ein „digitaler Stammtisch“ zu verstehen. Als neue Darstellungsform definierte hingegen Frank Karmeyer (TLZ, puffbohne.de) die Möglichkeiten der Printmedien, die Zeitung und Schlagzeilen auch über das Internet an die Leser und Nutzer zu bringen. Als zentrale Kompetenz für Internetnutzer nannte er das Bewusstsein und den verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Daten. Netzakteur Smettan betonte die besondere Bedeutung von Medienbildung gerade für junge Menschen.

Mit der Abschlussveranstaltung in der Thüringer Landeshauptstadt endeten die Thüringer Mediengespräche, die seit 2012 mittlerweile in Gera, Nordhausen, Eisenach, Saalfeld, Weimar, Ilmenau und Jena zusammen mit den dortigen Bürgersendern veranstaltet wurden. In den acht Städten ging es darum, wie sich die politische Kommunikation der Bürgerinnen und Bürger, der Politik und der klassischen Medien durch die zunehmende Verbreitung der neuen Medien verändert. Die Antworten von Politik und Medien sowie lokal engagierten Netzaktivisten bzw. Bloggern waren an jedem Standort unterschiedlich.

Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM), resümierte: „Es wurde deutlich, dass die vielen neuen digitalen Möglichkeiten der politischen Information, Kommunikation und Beteiligung von den Bürgerinnen und Bürgern, den Medien und der Politik sehr verschieden genutzt werden. Lokale Informationen werden auch im digitalen Zeitalter vorwiegend von der Tageszeitung, dem Lokalfernsehen oder den Bürgermedien angeboten. Die Herausforderung besteht nun darin, über die Chancen und Risiken aufzuklären, die bisherigen Strukturen an die neuen Bedingungen anzupassen, die vielen Vorteile stärker zu nutzen und gleichzeitig bestehende Hürden abzubauen. Nicht zuletzt ist dafür eine nachhaltige Vermittlung von Medienkompetenz notwendig, um eine sich wandelnde Mediengesellschaft fit zu machen für die neuen Kommunikations- und Beteiligungsmöglichkeiten, die sich sicherlich weiterentwickeln werden und zunehmend für unsere demokratische Gesellschaft an Bedeutung gewinnen.“

Die Vorträge und die Diskussion finden sich demnächst zum Nachhören als Podcast unter http://podcast.tlm.de oder auch bei iTunes (https://itunes.apple.com/de/podcast/thuringer-mediengesprache/id633453660?l=en).

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