71. Hessen Blättchen

Sonderausgabe: Am 6. und 7. November des Jahres hat der Bundesverband Offene Kanäle in Berlin eine Tagung veranstaltet, bei der Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, eine flammende Rede für die Offenen Kanäle gehalten hat. Programm und Bericht zur Tagung „30 Jahre Bürgerrundfunk in Deutschland – Eine Inventur“ sind unter www.bok.de nachzulesen, aber diese Rede soll auch in Papierform gestreut werden. Nicht nur, weil der Bundesverband Offene Kanäle seinen Sitz derzeit im MOK Kassel hat, die Tagung also hier organisiert wurde, sondern weil es ein solches Plädoyer für die Bürgersender selten gibt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor zehn Jahren habe ich im Palais am Festungsgraben „sieben gute Gründe für Offene Kanäle“ vorgestellt. Heute möchte ich diese für Sie und mit Ihnen auf den Prüfstand stellen. Normalerweise gilt im öffentlichen Raum, dass nichts älter als die Nachricht von gestern ist. Ich könnte mich also mit guten Argumenten in die Bresche schlagen. Aber ich will es Ihnen und uns etwas schwerer machen. Ob wir Offene Kanäle nach wie vor brauchen, das ist keine Frage. Sie tragen mit dazu bei, dass eines unserer höchsten Güter der Demokratie bewahrt und geschützt bleibt: Die freie und umfassende Meinungsäußerung. Aber darüber hinaus gedacht:

Warum genau brauchen wir Offene Kanäle in einer digitalen Welt, die suggeriert, sie sei voller Offener Kanäle? Wie sollten sie aufgestellt sein? Was hat sich in den letzten zehn Jahren geändert? Was sollte Offene Kanäle heute ausmachen – und wie sind sie am besten aufgestellt für das digitale Zeitalter und eingestellt auf unsere heutige Zivilgesellschaft?

Erstens: Wir brauchen Offene Kanäle, weil die Gründe für ihre Schaffung sich nicht erledigt haben – und immer weiter bestehen werden.

Die Gründung der Offenen Kanäle ging einher mit der Errichtung des dualen Systems – das ist heute genau wie vor zehn Jahren Fakt. Durch das Nebeneinander der öffentlich-rechtlichen und privatwirtschaftlich betriebenen Medienlandschaft sollte die Meinungsfreiheit sichergestellt werden. Aber neben diesen beiden dualen Polen unserer Medienlandschaft brauchte es unbedingt noch einen dritten „Widersacher“ – eine dritte Säule der Medienvielfalt. Die beiden dualen Pole, öffentlich-rechtlich und privat, gewöhnen sich immer mehr aneinander, Darstellungsformen und Themen stoßen nicht mehr einander ab – sie ähneln sich immer stärker und konkurrieren untereinander. Das Stichwort „Infotainment“ kann beiden zugeschrieben werden. Die Verflachung von Themen wird uns oftmals und immer öfter auch von den öffentlich-rechtlichen Sendern, als „Wunsch von Zuschauern nach Vereinfachung“ verkauft. Deshalb ist es – auch heute – umso wichtiger, den Bürgern mit Offenen Kanälen die Möglichkeit zur direkten Beteiligung zu geben. Sie können und sollen mit ihrer Themenauswahl auch „irritieren“ dürfen. Offene Kanäle sollen als Projektionsfläche für Bürgermeinungen dienen – als Stachel im Fleisch, als Einflugschneise anderer Wirklichkeiten – und sich einbringen in die Stimmen der großen Synchronisations- und Aufmerksamkeitsmaschinerien der „klassischen“ Massenmedien. Das macht die Offenen Kanäle zu einer medienpolitischen Errungenschaft – die sich eine demokratische Gesellschaft nicht nehmen lassen darf. Ganz im Gegenteil, wir müssen sie bewahren, aber auch weiterentwickeln.

Zweitens: Wir brauchen Offene Kanäle, weil die Erfahrungen mit ihnen und ihren Sendungen einen unschätzbaren Reichtum erzeugt haben und weiter erzeugen können, der für das Mediengefüge insgesamt unverzichtbar ist.

Auch meine zweite These von damals kann ich im Grunde nur wiederholen: Unbeeindruckt von Reichweiten, Quoten oder Werbeumsätzen nehmen die Bürgerinnen und Bürger die Offenen Kanäle als Grundrecht der freien Meinungsäußerung wahr. Und wenn im besten Fall die Trennlinie zwischen Produzent und Konsument verschwimmt, entstehen unfassbar wertvolle Beiträge. Aktuell gibt es über 70 Offene Kanäle, in denen unterschiedlich intensiv gearbeitet wird. Natürlich hat auch der größte Offene Kanal keine massenmediale Wirkung, aber dennoch können durch die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der Beiträge Meinungen gebildet werden. Und gerade das ist das Wertvolle an ihnen: Ohne dass ständig auf die Formate und Inhalte der anderen Medien geschielt werden muss, kann der Offene Kanal ein Bürgerkanal sein.

Heute könnte der Eindruck erweckt werden, dass sie, die Offenen Kanäle, es sind, auf die die öffentlich-rechtlichen und privaten Sender schielen: Immer öfter werden im TV- und Radio-Programm Zuschauer ins Programm mit einbezogen, es gibt immer mehr Call-In-Sendungen, Twitter- und Facebookfragen werden in die Sendungen mit eingebunden, Abstimmungen und Meinungen zum Programm abgefragt – ein klassisches und ursprüngliches Element der Offenen Kanäle. Die Zuhörer und Zuschauer, die gleichzeitig oft Macher der Sendungen sind, erlangen durch ihre Beiträge immer wieder mediale Präsenz. Und genau diese Präsenz der Bürger in der Medienlandschaft ist wichtig, um die dualen Pole als „Fleck auf der Linse“ zu irritieren. Auch wenn die Offenen Kanäle keine hohen Einschaltquoten erzielen und trotz massenwirksamer Themen die Masse selten erreichen, darf dies nicht gegen die Existenz der Offenen Kanäle verwendet werden. Die minimale Irritation, die sie auslösen, ist nicht nur nützlich, sondern unerlässlich. Sie sind der kontinuierliche Beweis dafür, dass es auch anders geht im selben Mediensystem von TV und Radio. Die Sendungen, die in den letzten 30 Jahren für Offene Kanäle produziert und dann gesendet wurden, haben höchste gesellschaftspolitische Relevanz: Allein die Themenauswahl zeigt, was Bürgerinnen und Bürger bewegt – fernab von Quotendruck oder kalkulierten Werbeeinnahmen.

Mit der Etablierung des Internets als Massenmedium beziehungsweise als massenhaft genutztem Medium wird immer wieder die Frage im medienpolitischen Raum aufgeworfen: Wozu brauchen wir dann noch die Offenen Kanäle in TV und Radio? Im Internet finden sich doch viele Formen der Bürgerkommunikation: Foren, YouTube, unzählige Blogs oder die „Offene Kommune“ von Liquid Democracy e.V. sind nur einige Beispiele unter vielen. Und es werden immer mehr Formen hinzukommen! Hat sich die Utopie, haben sich die Ziele der Offenen Kanäle nicht erfüllt?

Drittens: Das führte mich schon vor zehn Jahren – auch wenn damals die Formate im Internet längst nicht so bedeutungsvoll waren wie heute – zu dem dritten Grund und zur dritten These, warum wir Offene Kanäle brauchen. Wir brauchen nicht weniger Offene Kanäle, wir brauchen Offene Kanäle in allen Medien. Wir brauchen Offene Kanäle, die trimedial agieren!

Doch haben sie es bis heute geschafft, sich entsprechend aufzustellen? Nehmen wir zum Beispiel den Offenen Kanal ALEX Berlin – „die mediale Kreativplattform für Berlin“. ALEX TV ist unterwegs im analogen und digitalen Kabelnetz, per Livestream, on demand, auf YouTube und über seine Social Media-Profile. ALEX RADIO via Antenne, Kabel, im Livestream, über die Mediathek und auf Soundcloud. Alles richtig gemacht – der Kanal ist im Fernsehen, Hörfunk und online unterwegs, alle Kanäle sind miteinander vernetzt. So hat sich ALEX Berlin zum anerkannten Medienpartner im Berliner Stadtleben entwickelt und berichtet von großen Veranstaltungen genauso wie von kleinen Szenebegegnungen. Hier wird gesendet, was die Bürgerinnen und Bürger Berlins bewegt! Es ist absolut sinnlos, eine Ersatzdebatte zu führen – entweder Bürgermedien online oder Offene Kanäle.

Am Beispiel vom Offenen Kanal ALEX wird deutlich: Wenn das vorhandene Potential geschickt genutzt wird, dann bricht das Fundament einer Debatte über Bürgermedien online oder, beziehungsweise vs., Offene Kanäle weg. Trotzdem ist an dieser Stelle noch viel zu tun, längst nicht alle Offenen Kanäle sind soweit – was natürlich auch oft an der schlechten finanziellen Ausstattung liegt. Einsparungen von Gebühren und damit wachsender Druck auf die Macherinnen und Macher stehen nach wie vor auf der Tagesordnung. Warum wir Offene Kanäle brauchen, ist uns klar: Vor zehn Jahren genauso wie heute. Doch wie sehen die Offenen Kanäle von heute aus, und wie sollen sie in Zukunft aussehen? Ich habe vor zehn Jahren die folgenden vier Stichpunkte identifiziert: Wir brauchen liberale, universale, in der Zivilgesellschaft aktiv lokale und im Medienverbund maximal transversale Offene Kanäle. Das führt mich zu meiner

vierten These: Das Stichwort ist also Liberalität. Wenn man die Offenen Kanäle als Bürgermedium ernst nimmt, sollte man sie als nicht-repräsentative, „direkte“ Medien ernst nehmen. Auch eine repräsentative Demokratie braucht direkte, nicht-repräsentative Formen der Öffentlichkeit. Was „real anfassbar“ ist, wie die Speakers‘ Corner im Londoner Hyde Park, hat damit auch eine demokratische Öffentlichkeit in der Realität erfahrbar gemacht. Durch Twitter und Facebook wurde diese Öffentlichkeit um die digitale Komponente erweitert. Jeder kann zu allem seine Meinung mitteilen, durch Hashtags und Likes können die Debatten von „Followern“ beobachtet und gefiltert werden. Man entscheidet selbst, ob man „dabei bleibt“ oder „abschaltet“.

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Und auch die Offenen Kanäle sind eine Form der demokratischen Öffentlichkeit, die vielleicht keine Masse, aber immerhin eine Vielzahl von Menschen erreicht. In den Offenen Kanälen sind die Zuschauer und Zuhörer gefragt, Dinge, die sie sehen und hören, selbst zu filtern.

Die Offenen Kanäle sollten deshalb weitestgehend offen sein für alles, was „von außen“ kommt und den Zuschauern das Filtern zutrauen. Den Zuschauern muss das Denken nicht abgenommen werden, das Potential der Offenen Kanäle liegt darin, sich zu trauen, alle Themen – auch vermeintliche Nischenthemen – anzubieten und so eine Öffentlichkeit für unpopuläre Themen zu erschaffen. In gewisser Weise gilt für sie wie für das Web 2.0.: Wollen sie gelingen, dann muss man den Kontrollverlust wagen! In den klassischen Massenmedien – seien sie öffentlich-rechtlich oder privat – findet sich diese Form der Öffentlichkeit notwendigerweise nur stark gefiltert, denn hier wird stärker gesteuert, welche Wirklichkeit die Zuschauer zu sehen bekommen. Einige Gründe habe ich schon genannt. Die zwei wichtigsten: Quotendruck und Werbeeinnahmen.

Aber natürlich müssen die Offenen Kanäle auch Grenzen einhalten – die Grenzen des Grundgesetzes, das sich auch hier als ein attraktiver Garant der Bürgerrechte medial ausweist. Ich darf an dieser Stelle den Artikel 5 unseres Grundgesetzes zitieren, das passte vor zehn Jahren schon und ist natürlich heute auch noch aktuell: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen
Quellen ungehindert zu unterrichten.“ Und: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Das liest sich fast schon wie die Gründungsurkunde der Offenen Kanäle. Und in gewisser Hinsicht es das ja auch.

Gerade dieser große inhaltliche Freiheitsgrad ist für die Offenen Kanäle ein hohes Gut, weil es die symbolische Ordnung des medialen Geschehens an dieser Stelle einzigartig, unvorhersehbar und „wild“ macht und sehr nah an die realen Szenen des gesellschaftlichen Lebens führen kann. Das Rauschen der Offenen Kanäle ist asynchron zu dem seiner großen Brüder. Und diese inhaltliche Vielfalt, die oft als Belanglosigkeit kritisiert wird, ist doch auch eine permanente Herausforderung an die Filtersysteme der klassischen Massenmedien. Wir sollten sie als ein hohes mediales Gut achten und bewahren und auf ihre Weiterentwicklung drängen.

Fünftens: Wir brauchen Offene Kanäle, die in den Formaten universal sind.

Die Grenzen der Formate in den Offenen Kanälen sind, wenn es sie überhaupt gibt, dann finanzieller Natur. Eine interkontinentale TV-Live-Schaltung per Satellit kam einst kaum vor – im Medienverbund mit dem Internet ist das aber zum Beispiel kein Problem mehr. Ansonsten ist es gerade das prinzipiell Unformatierte, was das Potenzial der Offenen Kanäle ausmacht. Was uns in diesem Medium begegnet, sollte weit gefächert sein: Von nah am „Original“ der klassischen Massenmedien bis an deren Nullpunkt – die Eins-zu-Eins-Kommunikation, das audiovisuelle Zwiegespräch.

Ein Beispiel: Am 3. Oktober lief zum Beispiel auf allen vier hessischen Offenen Kanälen ein Sondersendetag. 21 Filmbeiträge beleuchteten aus unterschiedlichster Perspektive die Ereignisse des Herbstes 1989. Von den Bürgern selbst wurden Interviews mit Zeitzeugen und Dokumentationen, Diskussionsrunden und persönliche Erfahrungsberichte vorbereitet. Medial bereiteten die Bürger-Fernsehmacher eine aufwendige Rekonstruktion eines Vorfalls im ehemaligen Grenzgebiet Hessen-Thüringen auf. Für die Macherinnen und Macher und vor allem für die Entscheider in den Offenen Kanälen ist diese Formatvielfalt und die Schaffung ihrer Voraussetzungen ein wichtiges Gut. Wie die Sendungen sich anhören und wie sie aussehen, welche Geschichten sie erzählen, definiert sich aus der Vielfalt der Macherinnen, und diese Vielfalt hat auch vieles zu bieten. Es kommt allerdings darauf an, diese Pluralität auch zu wecken und zu entdecken. Insofern ist Formatentwicklung in den Offenen Kanälen vor allem eine soziale Aufgabe, eine Frage der proaktiven lokalen Vernetzung der Offenen Kanäle in den gesellschaftlichen Raum vor Ort. Das führt mich zum sechsten Punkt:

Wir brauchen Offene Kanäle, die in den lokalen Netzwerken der Zivilgesellschaft aktiv sind.

Die Bandbreite der lokalen gesellschaftlichen Vernetzung ist für die Offenen Kanäle entscheidend. Nur so können sie im besten Fall auch eine Rolle als katalytische Medienpraxis spielen – soziale und mediale Aktivitäten multiplizieren, Medienbildungsprozesse anstoßen bzw. verbreiten. Ich sehe prinzipiell keine Grenzen dessen, wer und was da mit einbezogen werden sollte, außer – wie auch vor zehn Jahren – die Grenzen des Grundgesetzes. Offene Kanäle können eine pluralistische Medienpraxis auch unter Einbezug der Bürgerinitiativen, NGOs, Vereine, Migrantenselbstorga-nisationen bis hin zu Privatinitiativen von Gruppen, Bürgerinnen und Einzelgängern darstellen. Die Gebührenfinanzierung der Offenen Kanäle schafft sich so eine kontinuierliche politische und im Notfall aktivierbare Legitimation. Und das ist sicher auch eine medienpolitische Evaluationsgrundlage für die Arbeit der Offenen Kanäle: Wie aktiv sind deren Macherinnen und Macher um die Ausweitung ihrer „Redaktionen“, Kontributoren bemüht? Haben sie dafür die notwendigen Ideen, Grundlagen und Ressourcen?

Plenum

Eben weil Offene Kanäle meistens ein Medium von Einigen für Einige sind, kommt es darauf an, dass möglichst viele „Einige“ sich daran aktiv beteiligen. Und damit sich viele „Einige“ beteiligen können, haben sich viele Offene Kanäle im Aus- und Fortbildungsbetrieb engagiert. Das Credo „jeder kann mitmachen“ ist meist keine leere Worthülse. Unterstützung und Hilfe bei der Aufbereitung eines Beitrags bieten die Offenen Kanäle meist für alle: Junge und Alte, Einzelne und Gruppen, Vereine, Initiativen, Schüler und Schulen, Studenten und Universitäten, Nachwuchsfilmer und
-journalisten kurz: Für alle, die Mitmachen wollen und etwas mitteilen wollen. Und dies gerade nicht aus dem Grund, um später Medienprofi zu werden, sondern aus dem Interesse heraus, andere an (lokalen) Ereignissen teilhaben zu lassen und Dinge öffentlich zu machen, die gesellschaftspolitisch, kulturell oder aus sozialen Beweggründen relevant sein können.

Und diese sozialen Vielheiten haben sich seit Jahren schon eines weiteren Medienfeldes angenommen, das neben den Offenen Kanälen existiert, und das für die Offenen Kanäle existenziell ist. Offene Kanäle als Bürgermedien können auch die Brückenfunktion für den interkulturellen Dialog einnehmen, weil sie eine andere Wirklichkeit als die Mainstream-Medien bieten. Gerade die prinzipielle Offenheit des Zugangs für ganz unterschiedliche Gruppen bietet die Voraussetzung dafür, dass ein Dialog überhaupt zustande kommen kann. Das führt mich zu der siebten und – vor zehn Jahren – zur abschließenden Bemerkung darüber, was für Offene Kanäle wir heute brauchen.

Siebtens: Wir brauchen Offene Kanäle, die in den Netzwerken der Medien maximal transversal sind.

Haben die Offenen Kanäle die Herausforderung angenommen? Sind sie heute crossmedial aufgestellt? Die Verbindung zwischen den Offenen Kanälen und den digitalen Medien ist offensichtlich. Die Offenen Kanäle haben eine Grundstruktur, die sich mit dem Potential der digitalen Medien deckt: In beiden Fällen ist offener Austausch und die Übertragbarkeit von Inhalten zum guten Gelingen erforderlich.

Hier ist ein riesiges Potenzial oftmals noch ungeborgen. Und es ist sicher die Forderung des Tages, das heißt der nächsten Jahre, dieses Potenzial proaktiv zu verwirklichen.

Man kann es auch so sagen: Wer sich der Möglichkeiten des Internets und der daran angeschlossenen digitalen Mediennetze nicht bedient und die Netzwerke, Gruppen, Institutionen etc. nicht einbezieht, die hier in seinem lokalen Zusammenhang relevant und aktiv sind, bekommt mehr als ein Problem. Wer aber diese Potenziale nutzt, wird dafür belohnt. Einfach eine Homepage zur Verfügung zu stellen und zu behaupten, man sei online unterwegs, reicht nicht.

Auch online muss das Potential des Austausches genutzt werden, um die dortigen Themen und Inhalte, die sich einfach immer mehr im Netz abspielen, nicht zu verpassen. In den sozialen Medien können sich heute für die Zivilgesellschaft wichtige Debatten entwickeln. Immer mehr Debatten spielen sich im Netz ab, da immer mehr über Onlinemedien kommuniziert wird. Crossmedialität ist das entscheidende Stichwort, viele Medien entwickeln dafür heute immer mehr visuelle Formate. Die Menschen möchten klicken, Artikel werden online durch Videos oder Bilderstrecken angereichert.

Das Stichwort hierfür ist Digital Storytelling: In Multimediareportagen werden Geschichten mit den verschiedenen Formaten und Techniken so lebendig wie nie erzählt. Es ist wichtig, dass die Offenen Kanäle diese Entwicklung nicht verpassen. Denn dann entsteht ein Medienverbund, der das gesellschaftliche Potenzial offener und öffentlicher Medien auf die Höhe des 21. Jahrhunderts bringt, ein Medienverbund, der nicht nur Schritt halten kann mit den technischen Entwicklungen und den sie begleitenden medienpolitischen Auseinandersetzungen – wie z.B. um das Urheber- und Verwertungsrecht –, sondern sie auch aktiv mitgestalten und beeinflussen kann und wird.

Meiner Meinung nach geht es strategisch gesehen darum: Den Offenen Kanälen ist in einem Medienverbund der lokal medial aktiven Communities und Gemeinschaften ein strategisch guter Platz zu geben. Es ist aber auch möglich, dass diese strategischen Positionen gemeinsam mit den lokalen Communities erfunden und realisiert werden. Ich wage hier eine Prognose: Wenn es den Offenen Kanälen gelingt, sich an dieser Stelle selbst zu öffnen, wird ihre Unverzichtbarkeit, wie ich sie bereits skizziert habe, auf absehbare Dauer mehrheitsfähig. Gerade mit Blick auf die rasante Entwicklung in der Medientechnologie, die zu einem Rückgang des Print-Absatzes und damit auch zu Problemen für die lokalen Medien geführt haben, werden Offene Kanäle immer wichtiger bei der Vernetzung der Bürger vor Ort. Das Internet ersetzt dabei natürlich nichts, sondern stellt ein weiteres Arbeitsfeld dar. Eben weil die soziale, mediale und ästhetische Phantasie „der Vielen“ nicht den langen Weg massenmedialer Filtersysteme und Entscheidungskalküle gehen muss. Eben weil sie nicht gebunden bleibt an die Grenzen der damit verbundenen Verwertungsketten. Sondern weil diese soziale und mediale Phantasie sich in einem dynamischen Austausch lokal einschreiben und verbreiten kann – auch durch die „klassischen“ Offenen Kanäle medial verstärkt. Dieses gesellschaftliche Wissen „der Vielen vor Ort“ bekommt so eine noch nie dagewesene Möglichkeit der öffentlichen Präsenz: Es bleibt mit diesem sich herausbildenden Medienverbund in den dafür aufmerksamen Öffentlichkeiten. Es bleibt der offenen Diskussion ausgesetzt und erhalten. Das massenmedial organisierte Verschwinden lokaler, singulärer Erfahrungen, Meinungsbildungen und Ästhetiken hat so ein öffentlich und intelligent gestaltetes Gegengewicht auf der Höhe der Zeit. Auf der Höhe der Zeit zu sein, um auch junge Leute dort abzuholen, wo sie sich aufhalten. Das führt mich zu meiner achten These – und damit zehn Jahre später zu einem Grund mehr für Offene Kanäle.

Achtens: Wir brauchen Offene Kanäle, um jungen Menschen eine verwertungsfreie Plattform zu geben, damit sie ihre Meinung, ihre Perspektive und ihre eigene Geschichte ohne ökonomische Domestizierung erzählen können.

Offene Kanäle können Jugendlichen, Schülern oder auch Studenten die Möglichkeit bieten, sich auszudrücken – auf kreative Weise und in ihrer eigenen Sprache. Viele der Offenen Kanäle im Netz werden einer ökonomischen Grammatik der Refinanzierung und Gewinnmaximierung unterworfen. Wollen wir Jugendkulturen ökonomisch domestizieren oder ihnen eine eigene autonome Stimme geben? Es gibt bereits unzählige Beispiele von Radio- oder TV-Sendungen, wie Studentenradios oder das prämierte sachsen-anhaltische Kulturmagazin „jugendstil“ des Offenen Kanals Magdeburg, das nur von Jugendlichen gestaltet und produziert wird. Diese Beispiele zeigen, welche ehrlichen, informativen und kreativen Beiträge entstehen, wenn wir jungen Menschen ein Mikrofon oder eine Kamera in die Hand geben. Und sie machen lassen. Gleichzeitig schaffen es Offene Kanäle aber auch durch Ausbildungsprogramme, jungen Menschen Medienkompetenz mit auf den Weg zu geben – ein unerlässliches Werkzeug im heute rasanten digitalen Zeitalter. Sie können so erfahren, wie Medien eigentlich ticken, hinter die Kulissen des Betriebs blicken – und ihn kritisch hinterfragen lernen. Sie werden befähigt, selbst die Fragen zu stellen und sich motiviert mit den Themen, die sie direkt in ihrer Umgebung betreffen, auseinanderzusetzen. Offene Kanäle können damit auch Teil und Angebot der politischen Bildung sein. Als ich im Jahr 2009 zu Gast war in der Talkshow „Hotel Prishtina“ von Alex TV, in der Jugendliche Politikern ihre Fragen stellten, wurde mir das klar. Die haben mich ganz schön auseinandergenommen – und genau das macht doch eine lebendige Demokratie aus: Dass junge Menschen kritisch mit uns „Alten“ umgehen. Lassen Sie uns jungen Menschen in den Medien eine Stimme geben, sie die Fragen stellen, die sie bewegen – anstatt ihnen die Themen, die wir für „jugendlich“, „ganz schön krass“ oder schön „niedrigschwellig“ halten, aufzuoktroyieren. Wir sollten nicht den Fehler begehen, junge Menschen zu unterschätzen und ihnen durch unsere Formate eine Stimme aufzuzwingen, sondern sie selbst reden lassen. Offene Kanäle tun das. Und gleichzeitig, das haben hoffentlich meine acht Thesen deutlich gemacht, hat damit aber die Zukunft vor ihrer Haustür und an ihren medialen Grenzen gerade erst begonnen. Lassen Sie sich von den rasanten Entwicklungen unserer Zeit nicht entmutigen, sondern machen Sie weiter so!

Ich wünsche Ihnen und uns damit weiterhin gutes Gelingen! In zehn Jahren stehe ich gerne wieder hier – dann, so hoffe ich doch, mit wahrscheinlich noch einem Grund mehr für Offene Kanäle auf dem Prüfstand.

Video: Thomas Krüger über Offene Kanäle in der digitalen Welt 

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